Algoritmus Alchemie

Früher war der Zauberkünstler ein Hüter von Geheimnissen. Das Erlebnis fand im Hier und Jetzt statt, zwischen Künstler und Publikum. Es brauchte Zeit, Aufbau, manchmal Stille.

Heute sind viele von uns “Content Creators”. Und ich meine das nicht herablassend – ich poste auch, ich kenne den Sog. Aber wir sollten uns eingestehen, was dabei passiert.

Der Algorithmus versteht keine Kunst. Er versteht nur: Hat jemand in der ersten Sekunde weggewischt? Hat er bis zum Ende geschaut? Das ist seine ganze Welt. Und wir passen uns an, ob wir wollen oder nicht.

Das Ergebnis sehen wir jeden Tag: Subtile Mentalmagie, komplexe Kartentechniken, poetische Routinen – sie verschwinden. Was bleibt, ist “Visual Candy”: schnelle Farbwechsel, unmögliche Objekte, CGI-ähnliche Effekte. Drei Sekunden, sechs Zoll Bildschirm, nächstes Video.

Noch schlimmer ist die Belohnung des Verrats. Nichts bringt mehr Views als ein enthülltes Geheimnis. Junge Magier lernen schnell: Vorführen bringt 200 Likes, Verraten bringt 200.000 Views. Das Geheimnis, das früher unser Kapital war, wird zur billigen Ware.

Und dann die Klone. Ist dir aufgefallen, dass plötzlich alle denselben Trick mit derselben Musik machen? Der Algorithmus belohnt Nachahmung. Wer anders ist, passt nicht ins Raster. Eine ganze Generation perfektioniert Techniken, entwickelt aber keine eigene Stimme – weil sie nie gelernt hat, für echte Menschen zu zaubern, nur für die Linse.

Es gibt mittlerweile zwei Welten, die sich kaum noch berühren: Die Social-Media-Bubble, wo Zauberei schnell, laut und oft nur aus einem Winkel funktioniert. Und die Live-Realität, wo Psychologie zählt, Charisma, das Gespür für den Raum. Veranstalter buchen nach Follower-Zahlen und stellen dann fest, dass der Künstler keine zehn Minuten live füllen kann. Was also tun? Ich habe für mich ein paar Dinge entschieden. Vielleicht helfen sie auch dir.

Ich entfolge Accounts, die nur für den Algorithmus produzieren. Ich lese wieder Bücher – ein Zaubertheorie-Buch von 1980 enthält mehr Wahrheit als zehn Stunden TikTok, weil es geschrieben wurde, bevor “Retention Rate” existierte.

Ich erlaube mir, Inhalte zu machen, die nicht viral gehen. Das klingt paradox, ist aber befreiend. Fünfzig Menschen, die wirklich hinschauen, sind mehr wert als fünfzigtausend, die morgen vergessen haben, dass ich existiere.

Ich investiere den Großteil meiner Energie in Material für echte Menschen in echten Räumen. Denn live gibt es keinen Algorithmus zwischen mir und dem Zuschauer. Nur die direkte Reaktion. Das ist die einzige Währung, die für mich wirklich zählt.

Und ich zeige online nicht mehr alles. Ausschnitte, Reaktionen, aber den Kern behalte ich für die Bühne. Knappheit erzeugt Wert.
Die Algorithmen wollen uns zu berechenbaren Produzenten machen. Aber Zauberkunst war schon immer das Unmögliche, das Unerklärliche, das, was nicht ins Raster passt.

Vielleicht ist es an der Zeit, wieder Zauberkünstler zu sein statt Content Creators. Das Staunen zurückzuholen – langsam, tiefgründig und völlig unoptimiert.

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