Der Spiegel-Mythos
„Übe vor dem Spiegel!“ – diesen Ratschlag hat wahrscheinlich jeder von uns schon einmal gehört. Er klingt vernünftig, denn so sieht man angeblich, was das Publikum sieht. Du kannst dich selbst kontrollieren und merkst sofort, wenn etwas nicht stimmt. Das funktioniert schnell, direkt und ohne großen technischen Aufwand. Spiegel findet man überall dort, wo es notwendig ist, Bewegungen zu kontrollieren. Eine Ballettschule ist ohne die großen Übungsspiegel undenkbar. Selbst beim Musizieren wird empfohlen, ab und zu einen Spiegel zu verwenden, um die korrekte Handhaltung etc. zu kontrollieren.
Das habe ich natürlich auch jahrelang gemacht, weil mir am Anfang von vielen Seiten gesagt wurde, dies sei einer der wichtigsten Ratschläge und eine Bedingung für das richtige Einüben von Zauberei. Abgesehen davon war es zu meiner Zeit technisch und finanziell sehr aufwendig, eine Vorführung auf Video aufzunehmen. Es blieb also nur der Spiegel als Übungsinstrument. Doch dann ist mir etwas aufgefallen, das mich nachdenklich gemacht hat. Ein versteckter Punkt, der fatale Folgen haben kann.
Wenn wir vor dem Spiegel üben, trainieren wir zugleich etwas, das uns später im Weg steht. Wir trainieren nämlich (unbeabsichtigt) auch, uns selbst zu beobachten. Unsere Aufmerksamkeit ist dann zwischen dem, was wir tun, und der Frage, wie es aussieht, geteilt.
Das Problem dabei ist: In der echten Performance gibt es keinen Spiegel. Wenn wir dann trotzdem versuchen, uns zu beobachten, sind wir nicht mehr beim Publikum. Wir sind bei uns selbst. Und das spüren die Zuschauer.
Sie merken, dass wir nicht ganz bei der Sache sind. Unsere Gedanken sind woanders: bei der Technik, unserem Aussehen oder der Frage, ob alles klappt. Der Performer wirkt „abgekoppelt” und die Kommunikation mit dem Publikum kommt nicht zustande. Das Publikum spürt, dass mit dem Performer „irgendetwas nicht stimmt”, und beobachtet ihn misstrauisch, anstatt sich von der Zauberkunst mitreißen zu lassen.
Die herausragenden Performer, die ich kenne, trainieren anders. Sie üben beispielsweise mit einer Augenbinde, also blind, bis ihre Hände wissen, was sie tun, ohne dass der Kopf eingreifen muss. Der Spiegel wird nicht mehr zur einzigen Referenz. Sie nehmen ihre Übungen mit Video auf und sehen sie sich anschließend kritisch an. Sie üben so lange, bis sie nicht mehr über die Technik nachdenken müssen und sich ganz auf das Geschehen im Zuschauerraum konzentrieren können.
Der Spiegel zeigt uns einen anderen Winkel, eine andere Distanz und damit ein anderes Erlebnis als das, was das Publikum von unserer Vorführung hat. Er eignet sich sehr gut, um sich einen ersten groben Eindruck davon zu verschaffen, wie eine Technik aussieht. Ein dreigeteilter Übungsspiegel ist ideal, um die verschiedenen Winkelprobleme einer Technik schnell einzuschätzen. Aber der Spiegel versagt, wenn es um die Zuschauerwirkung geht, und führt uns in die falsche Richtung.
Wenn wir wissen wollen, wie unsere Performance wirklich wirkt, benötigen wir Menschen aus dem Publikum, die uns Feedback geben. Wir benötigen Videoaufnahmen aus dem Publikumswinkel. Vor allem brauchen wir die Rückmeldungen von Menschen, die keine Zauberer sind.
Das bringt uns auf jeden Fall weiter als jeder Spiegel. Ich will den Spiegel nicht verteufeln, denn er hat auf jeden Fall seine Berechtigung. Es gilt: Die Dosis macht das Gift.
Bis zum nächsten Mal!
Alexander

