Wo stehen wir da? Am Rande des Abgrunds? Vor einem neuen, apokalyptischen Zeitalter? Wenn ich mir anschaue, wie sich die “Zauberszene” in den letzten 20 Jahren entwickelt hat, dann wird mir schlecht. Ich habe mir die Zeit genommen, meine Gedanken dazu aufzuschreiben. Vielleicht regen sie dich ja zum Nachdenken an.
Der Verlust der Substanz
Ich sehe eine beunruhigende Entwicklung in der Zauberkunst. Ganz klar: Sie schleicht sich nicht lautlos ein, sondern wird auch noch beklatscht. Sie nennen es Fortschritt, Innovation oder Kreativität, aber in Wahrheit ist es ein schleichender Verlust. Das ist der Verlust der Substanz. Die Produktvielfalt wächst ständig und neue Tricks werden entwickelt, die alles Bisherige in den Schatten stellen. Ich sage: Je lauter das ganze Brimborium um das Neue ist, desto leerer ist sein Inhalt.
In der sogenannten Szene wimmelt es von Leuten, die meinen, sie hätten etwas geschaffen, nur weil sie etwas in Plastik verpackt und online gestellt haben. Die Idee, dass Zauberei etwas mit Können, Disziplin und Studium zu tun hat, ist längst altmodisch und wird nicht mehr erwähnt. Heute dreht sich alles um Geschwindigkeit. Wer zuerst veröffentlicht, hat gewonnen. Wer zuerst einen Trailer produziert, ist der Erfinder. Und wenn man die besten Kontakte zu Händlern hat, wird man plötzlich als Schöpfer gefeiert. Die meisten davon sind im Grunde nur Massenware. Es sind Variationen bekannter Prinzipien, hübsch verpackt, oft schlecht verstanden, aber gut verkauft. Der Markt liebt Wiederholungen, solange sie sich als Neuheit tarnen. Die Szene macht da ganz schön mit. Früher war die Zauberkunst eine ganz andere Sache. Wir haben uns mit Prinzipien beschäftigt, psychologische Mechanismen erforscht und Techniken und Präsentationen zu einer gelungenen Vorführung verbunden.
Heute reicht ein Gimmick. Heute ist es nicht mehr angesagt, Dinge zu verinnerlichen, sie auszuprobieren, sie zu verwerfen und dann neu zu denken. Viele verwechseln das schnelle Gefühl des Besitzes mit dem langsamen Prozess des Lernens. Ich finde das faszinierend, aber es macht mich auch müde. Ich bin einfach nur noch müde, weil sich das alles schon hundertmal wiederholt hat. Ich bin wirklich beeindruckt, dass es scheinbar keine Grenze nach unten gibt. Heute kann jeder ein Produkt veröffentlichen. Es gibt keine Filter, keine Qualitätsmaßstäbe, keine Scham. Ich sage es euch ganz deutlich: Das Wort “Creator” wird viel zu oft benutzt. Früher war es so, dass man sich diesen Titel erarbeiten musste. Heute reicht ein Instagram-Account.
Was fehlt, ist die Verantwortung für die Kunst, für die Zuschauer und für die eigene Integrität. Stattdessen herrscht eine Mentalität, die aus der Zauberei so eine Art Einwegkultur gemacht hat. Ein Trick wird gezeigt, ein paar Likes kassiert – und schon ist er im digitalen Staub verschwunden. Es gibt keinen Kontext, keine Weiterentwicklung, kein Nachdenken. Ich erwarte das nächste Reizsignal! Wer Substanz will, muss auch mal verzichten können. Wir sollten uns nicht auf schnelle Erfolge, Beliebtheit und Aufmerksamkeit konzentrieren. Die Substanz wächst einfach weiter. Sie braucht Zeit, Zweifel und manchmal Rückschläge – das ist nun mal so.
Heute ist es für viele die größte Zumutung, dass man warten, üben und nachdenken muss, bevor man etwas vorführt oder publiziert. Der wahre Verlust liegt nicht in der Kunst selbst, sondern in der Haltung. Ich bin überzeugt, dass es entscheidend ist, uns klarzumachen, dass etwas erst dann wirklich zählt, wenn es geteilt, verkauft oder geklickt wird. Wer glaubt, den Wert einer Idee in Verkaufszahlen messen zu können, hat den Bezug zur Substanz verloren. Kunst funktioniert eben anders. Sie braucht Tiefe, keine Reichweite. Wer sich auf die Tiefe einlässt, bekommt zwar Beifall, aber keinen Fortschritt.
Die Zauberkunst hat überlebt, weil es Menschen gab, die sie ernst genommen haben. Nicht, weil sie laut waren, sondern weil sie genau nachdachten und bereit waren, sich einzulassen und sich mit der Materie zu beschäftigen. Sie wird auch in Zukunft überleben, wenn wir aufhören, den Markt zu überfüttern, und stattdessen anfangen, ihn zu hinterfragen. Das ist der erste Schritt, um das zurückzuholen, was uns verloren gegangen ist: Substanz.
Die Blender-Ökonomie
Die Zauberszene ist heute wie ein Spiegel der Welt – und zwar einer Welt, in der der Schein wichtiger geworden ist. Es kommt weniger darauf an, was jemand wirklich kann, sondern wie überzeugend er es schafft, sich selbst zu verkaufen. Die neuen Helden der Gegenwart haben kapiert, dass viele Leute unter Präsenz noch immer Kompetenz verstehen. Ein geschickter Trailer ersetzt Erfahrung, ein selbstbewusstes Auftreten ersetzt Substanz. Lautstärke gilt als Beweis für Relevanz, und wer ständig postet, scheint unermüdlich tätig zu sein. In diesem System ist das eigentliche Handwerk eher nebensächlich. Es kommt nicht mehr darauf an, ob etwas gut ist, sondern ob es nach etwas aussieht.
Das ist inzwischen überall zu sehen: auf Kongressen, in Online-Shops und in den sozialen Medien. Die Leute sind sich ziemlich ähnlich, geben sich viel Mühe bei ihren Versprechen und tun so, als wären sie ganz anders, als sie eigentlich sind. Was früher eine Kunst war, ist heute eine Bühne für Eitelkeiten. Blender sind flach und schnell. Sie brauchen keine Tiefe. Heute hier, morgen dort, übermorgen ist es schon wieder vergessen. In der Ökonomie der Aufmerksamkeit ist das kein Makel, sondern ein Prinzip. Wer reflektiert, ist zu langsam. Wer differenziert, zu leise. Wer zu viel nachdenkt, hat schon verloren. Der Blender hat das Spiel verstanden und die Szene spielt mit, weil sie sich längst an die Regeln gewöhnt hat.
Früher hat man sich über Qualität unterhalten. Heute geht’s um Reichweite. Der Maßstab hat sich verschoben. Erfolg hat heute mehr mit Marketing zu tun als mit Können. Es ist echt traurig, dass viele diesen Tausch nicht bemerken – oder sogar meinen, dass es sich dabei um Fortschritt handelt. Du verwechselst Klicks mit Anerkennung, Follower mit Publikum, und dein Dauerrauschen mit Bedeutung. Die Blender-Ökonomie hat nicht nur das Niveau gesenkt, sondern auch das Denken selbst verändert.
Über Inhalte wird kaum noch leise gesprochen. Alles muss sofort sichtbar, teilbar und verwertbar sein. Wer in dieser Dauerbeleuchtung arbeitet, verliert Tiefe; jede Substanz verblasst unter dem grellen Licht der Selbstvermarktung. Wer gründlich arbeitet, verschwindet. Wer laut ist, bleibt im Gedächtnis. Und so bestraft die Blender-Ökonomie die Nachdenklichen und belohnt die Oberflächlichen.
Das Schlimme ist nicht, dass es so ist – sondern, dass kaum jemand darin noch einen Widerspruch sieht. Man nennt es Zeitgeist. Ich nenne es Dekadenz.
Die Kopisten
Es ist echt ätzend, wenn man seine eigene Idee bei jemand anderem wiederfindet. Und zwar nicht, weil die Person sie als Hommage oder so benutzt, sondern einfach nur, weil sie sie kopiert hat. Kopisten findet man überall. Sie geben sich als Kreative, Forscher oder Innovatoren aus, aber eigentlich sind sie einfach nur Nachahmer. Sie warten, bis jemand den Weg geebnet hat, und marschieren dann, frisch poliert und ohne Skrupel, hinterher. Es ist schon lange kein Zufall mehr, wenn geistige Arbeit gestohlen wird. Das ist inzwischen ein richtiges Geschäftsmodell. Der Markt belohnt Geschwindigkeit, nicht Herkunft. Wer zuerst verkauft, gilt als Urheber – egal, woher die Idee stammt. Es wird einfach genommen, was erreichbar ist – ganz ohne Hemmung und ohne Scham. Der Kopist sieht sich nicht als Dieb, sondern als Unternehmer. Er nennt es Variante, Hommage oder Weiterentwicklung. Aber am Ende ist es eben Diebstahl.
Das Traurige daran ist, dass es nie die Lauten trifft. Die Stillen, die Forscher und Tüftler, die über Jahre hinweg feilen, während andere ihre Arbeit innerhalb weniger Tage übernehmen – sie sind es, die hier getroffen werden. Es ist ein Verrat an der Arbeit, an der Zeit, an der Mühe. Und das System macht es möglich: Händler, die nicht nachfragen. Käufer, die nicht wissen, wie es weitergeht. Konsumenten, die sich nicht kümmern. Es ist eine Kultur der Gleichgültigkeit, in der die Herkunft keine Rolle spielt, sondern nur der Preis, die Verpackung und das Spektakel. Die Kopisten sind die Parasiten einer Szene, die zu träge ist, um sich zu wehren. Jeder, der heute etwas Neues wagt, weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es ihm genommen wird. Das kann einen echt Mut- und Kreativitätskiller sein. Wenn die Künstlerinnen und Künstler ihre Kunst nicht mehr schützen, dann geht sie irgendwann verloren.
Der Preis der Treue
In der Szene gibt es ein Wort, das oft wohlklingend benutzt, aber selten richtig verstanden wird: Loyalität. Heute ist es zu einem bequemen Deckmantel geworden, ein Vorwand, um zu schweigen, wenn man sprechen müsste. Loyalität bedeutet, das Falsche zu dulden, solange es von Freunden kommt. Es geht darum, die Mittelmäßigkeit zu decken, um den Frieden zu wahren. Aber wahre Loyalität hat nichts mit Schweigen zu tun, sondern mit Wahrhaftigkeit. Wenn du Kunst liebst, musst du sie auch verteidigen, selbst wenn das jemand aus deinem eigenen Team macht.
Wer Kritik übt, gilt als Verräter, als Unruhestifter, als jemand, der die Harmonie stört. Aber was ist das für eine Harmonie, die auf Lüge basiert? Es ist einfach bequemer, zu klatschen, als zu widersprechen. So entstehen kleine Gruppen, in denen alle einer Meinung sind und niemand mehr den Mut hat, etwas infrage zu stellen. Wer es trotzdem wagt, wird ausgegrenzt – nicht wegen dem, was er sagt, sondern weil er die Bequemlichkeit stört. Der Preis für die Treue ist hoch. Sie kostet dich Haltung, Wahrheit und oft auch Freundschaft. Aber wenn du die Kunst wirklich ernst nimmst, musst du auch bereit sein, dafür zu bezahlen. Die Alternative ist Fäulnis unter einem Lächeln.
Die Krankheit Applaus
Es gibt eine Krankheit, die sich langsam und unauffällig ausgebreitet hat, aber tiefer wirkt als jede andere. Sie heißt Applaus. Nicht mehr die Qualität zählt, nicht die Idee oder die Tiefe, sondern die Lautstärke der Hände. Applaus ist zur Währung geworden, nach der alles bewertet wird. Der Zauberer spielt nicht mehr für das Staunen, sondern für die Reaktion. Und das, was früher einmal Ausdruck von Können war, ist zu einer Jagd nach Bestätigung geworden. Die Kunst wird lauter, greller, schneller – aber nicht besser.
Früher war der Applaus eine Nebenerscheinung, ein Zeichen dafür, dass etwas berührt oder überzeugt hatte. Heute ist er das Ziel. Das Publikum ist zur Droge geworden, und viele sind abhängig. Die Zahl der Standing Ovations gilt als Maßstab für Bedeutung, als Beweis für Erfolg. In Wahrheit ist es das Gegenteil. Wie bei jeder Sucht braucht es immer mehr, um immer weniger zu spüren. Wer den Applaus sucht, verliert das Staunen. Wer die Reaktion will, verliert die Wirkung.
So entsteht eine Art der Zauberei, die im Moment aufblüht und gleich darauf verpufft. Das schnelle Echo ersetzt den langen Nachhall. Und irgendwann bleibt nur noch Lärm. Kunst braucht kein Publikum, das applaudiert. Sie braucht eines, das atmet, das still ist, das zuhört. Aber genau das lässt sich nicht verkaufen.
Die Vereinsschleife
Es gibt Orte in der Zauberei, an denen die Zeit still zu stehen scheint: Vereinsabende. Die Leute sehen immer gleich aus, machen immer die gleichen Dinge und führen immer die gleichen Gespräche. Man nennt es Gemeinschaft, aber eigentlich ist es nur Gewohnheit. Hier ist Schluss mit der Kreativität, jetzt wird nur noch Folklore produziert. Neue Ideen werden erst mal belächelt, bis sie in Vergessenheit geraten. Alte Ideen werden auf die Spitze getrieben, bis niemand mehr weiß, warum.
Was mal als lebendiger Austausch gedacht war, ist vielerorts zum Ritual geworden. Jeder kennt jeden, es gibt keine Überraschungen mehr. Wer versucht, Bewegung in den Alltag zu bringen, wird schnell feststellen, dass es “immer schon so war”. Die Vereinsschleife ist nicht klein, weil sie böse ist, sondern weil sie genügsam ist. Sie produziert Vertrautheit statt Fortschritt, Nostalgie statt Neugier – und nennt es Tradition.
Zauberkunst ist ja auch nie so eine Art Wiederholung, sondern immer eine Erneuerung. Wer im Kreis läuft, denkt, dass Bewegung und Entwicklung sich die Waage halten. Es gibt zwar Ausnahmen, Orte des echten Austauschs, aber die sind eher selten. Viele Vereine sind zu bequemen Wohnzimmern geworden, in denen man sich gegenseitig bestätigt, dass man noch da ist. Leidenschaft wird zur Routine, Routine zur Regel. Der Nachwuchs kommt, sieht und geht – nicht aus Respektlosigkeit, sondern aus Erkenntnis. Die Vereinsschleife ist Stillstand mit Protokoll.
Wahre Künstler
Früher war das Wort “Künstler” eine Auszeichnung. Heute ist es nur noch ein Etikett. Jeder, der ein Kartenspiel halten kann, nennt sich Entertainer, und jeder, der einen Trick vorführt, spricht von seiner Kunst. Das Wort hat an Bedeutung verloren, weil es für alles benutzt wird. Kunst ohne Anspruch ist Unterhaltung, Unterhaltung ohne Können ist Lärm.
Dass es so viele Künstler gibt, liegt an einer Kultur, die Gleichheit über Qualität stellt. Wenn alles Kunst ist, ist nichts mehr Kunst. Die wirklich Begabten gehen da oft unter, weil sie sich weigern, laut zu werden. Wer forscht, zweifelt und Form und Inhalt hinterfragt, gilt schnell als elitär. Wer viel redet, gilt als sympathisch. Das Publikum erkennt den Unterschied nicht mehr, weil ihm niemand mehr beibringt, wie man ihn erkennt. Vielfalt ohne Maßstab ist Chaos.
Es gibt keine Scham, keinen Zweifel und keine Demut mehr. Alles gilt als gleich gültig – im doppelten Sinne. Wenn man als Künstler bezeichnet werden will, muss man Haltung zeigen, tiefgründig sein und bereit sein, Opfer zu bringen. Heute reicht ein Social-Media-Kanal. Und das Schlimmste ist: Viele glauben es selbst. Sie fokussieren sich auf Wirkung und Reichweite für Bedeutung.
Der Schein des Fortschritts
Die Szene feiert lieber das Neue als den Fortschritt. Sobald etwas erfunden ist, wird es sofort noch besser gemacht: noch schneller, noch einfacher, noch “cleaner”. Der Fortschritt liegt dann aber meistens nicht in der Idee selbst, sondern im Werbetext. Man verändert die Verpackung, nicht den Inhalt.
Ein alter Gedanke wird leicht aufpoliert und schon gilt er als Revolution. Manchmal wird Vereinfachung mit Entwicklung verwechselt. Aber echter Fortschritt bedeutet, dass man sich auch mal in etwas richtig reinhängen muss, auch wenn es unbequem ist. Es geht nicht darum, etwas leichter zu machen, sondern es besser zu verstehen. Aber Verständnis lässt sich nicht vermarkten.
Der Schein des Fortschritts ist die Flucht vor der Mühe. Jeder neue Trick, der mit dem Versprechen “ohne Fingerfertigkeit” wirbt, ist ein Bekenntnis zur Faulheit. Dadurch wird die Kunst nicht weniger komplex, sondern nur weniger geistreich. Die größten Fortschritte wurden nie aus Bequemlichkeit erzielt, sondern aus Erkenntnis. Der Rest ist Verpackung.
Die Stille
Die Besten sind still geworden. Nicht, weil sie nichts mehr zu sagen hätten, sondern weil sie begriffen haben, dass ihre Worte im Lärm untergehen. Früher waren sie so etwas wie die Stimmen der Orientierung, aber heute hört man sie kaum noch. Sie haben gelernt, dass in einer Welt der Blender jedes Gespräch ein Monolog bleibt.
Die Könner ziehen sich zurück – nicht, weil sie es nicht mehr schaffen, sondern, um sich zu schützen. Es ist anstrengend, gegen die Lautstärke anzureden. Ihre Stille ist kein Desinteresse, sondern Würde. Sie arbeiten weiter – im Stillen, für sich, für die Kunst. Die Szene hat das kaum gemerkt und kümmert sich auch nicht groß drum, außer es gibt wieder einen neuen Trick zu kaufen..
Stattdessen feiert sie Vielredner, Verkäufer und Dauerperformer. Die, die wirklich Bescheid wissen, sind schon lange weg und ihre Stille ist gefährlich, weil sie das Feld den Ahnungslosen überlässt. Wenn niemand mehr zuhört, ist Erfahrung wertlos. Vielleicht sollten einige von ihnen wieder sprechen – vorausgesetzt, es gibt jemanden, der zuhört.
Die Gemeinschaft – ein Mythos?
Die Gemeinschaft der Magier – das klingt doch gut. Bruderschaft, Zusammenhalt, geteiltes Wissen. In Wirklichkeit ist es nur Rhetorik. Die Szene ist kein Kollektiv, sondern ein Geflecht aus Interessen. Jeder will was, aber kaum einer gibt was. Man kennt sich, man grüßt sich – aber das ist kein Zusammenhalt, sondern reine Routine.
Der Mythos der Gemeinschaft ist so eine Art Trostpflaster. Hinter der Fassade geht’s ziemlich rund: Konkurrenz, Eitelkeit und Besitzdenken. Wer das sagt, gilt schnell als Zyniker. Aber mal ehrlich: Echte Gemeinschaft braucht ein gemeinsames Ziel. Diese Szene hat keins. Sie besteht aus einer Menge kleiner Zirkel, und jeder hat sein eigenes Logo und seine eigene Agenda.
Man hilft sich, solange es nützt. Man teilt Wissen, solange es Applaus bringt. Aufrichtigkeit ist leider total selten geworden und Uneigennützigkeit fast ausgestorben. Der Mythos der Gemeinschaft beruhigt das Gewissen und verhindert Veränderung.
Die Sprache zerfällt
Sprache formt Denken. Wenn Worte flacher werden, wird auch das Denken flacher. In der Zauberei ist das nichts Neues. Man spricht nicht mehr so genau, sondern eher so, dass es sich gut anhört. Es gibt Wörter, die früher eine Bedeutung hatten, aber heute nur noch als Modewörter benutzt werden.
Misdirection, Performer, Deck – alles versinkt in Phrasen und Modewörtern. Begriffe aus dem Englischen ersetzen heute die deutschen Begriffe, altbekannte Techniken werden wegen dem Verkauf in Fantasiebegriffe umgewandelt, nur um neu zu erscheinen, und Klang ersetzt Inhalt. Viele reden von Konzepten, die sie nicht verstehen. Dadurch wird Sprache zu etwas, das nur noch da ist, um zu dekorieren. Wer genau spricht, gilt schnell als belehrend, wer ungenau spricht, gilt als sympathisch.
Sprache ist das Fundament jeder Kunst. Wer nicht benennen kann, was er tut, kann es auch nicht verstehen. Und wenn man das nicht versteht, kann man es auch nicht lehren. Die Sprache wird immer schlechter. Es gibt eine ganze Generation von Leuten, die nur rumlabern, ohne wirklich zu checken, was sie da sagen. Präzision hat nichts mit Hochmut zu tun, sondern ist eine Art Respekt vor dem Denken. Und sprachliche Präzision erfordert natürlich auch Anstrengung, ein Konzept, dem viele heutzutage aus dem Weg gehen wollen.
Der Preis für den Idealismus
Idealismus ist schön, aber er kostet eben auch seinen Preis. In einer Welt, in der es vor allem auf Konsum ankommt, ist es ein echter Luxus, Haltung zu zeigen. Wer Ideale hat, muss mit Einsamkeit rechnen. Wer Prinzipien hat, muss mit Ablehnung rechnen. Wer unabhängig bleiben will, muss mit Armut bzw. finanziellen Verlusten rechnen.
Leider gibt es nur wenige, die bereit sind diesen Preis zu zahlen. Sie arbeiten mit Sorgfalt, während andere ihre Produkte vermarkten. Sie investieren Zeit, während andere rechnen. Die werden einfach ignoriert, weil sie unbequem sind. Der Idealist sagt, Kunst ist Arbeit und Arbeit kostet Zeit. Er bleibt oft allein, aber er bleibt er selbst. Das ist sein Trost. Integrität kriegt man nicht für Klicks. Der Preis ist hoch, aber es ist der einzige, der sich lohnt.
Die Jugendkultur
Die Szene liebt das Junge, das Laute, das Frische. Erfahrung gilt als verstaubt und Reife als Hemmschuh. Richtige und fähige Mentoren werden durch Influencer ersetzt. Dieser Kult ist aber kein Ausdruck von Vitalität, sondern von Vergessen.
Jugend ist kein Wert an sich, sondern eine Phase. Wer die Erfahrung der Älteren ignoriert, macht die gleichen Fehler. In einer Kultur, in der Reife und Rückständigkeit verwechselt werden, ist Zuhören leider kein Trend mehr.
So wird Kunst kindlich: laut, hektisch und kurzlebig. Tempo ersetzt Wissen. Aber Geschwindigkeit allein macht noch keinen Fortschritt und ersetzt auch nicht Erfahrung. Vielleicht sollten wir wieder still werden und zuhören – nicht, um zurückzugehen, sondern um zu verstehen, was vor uns lag.
Geschichte ist Geschichte
Die Geschichte der Zauberkunst ist kein Ballast, sondern das Fundament. Aber sie ist fast in Vergessenheit geraten. Man benutzt Prinzipien, ohne zu wissen, woher die kommen, und zitiert Namen, ohne die Person dahinter zu verstehen.
Bücher werden durch Tutorials ersetzt, eigene Forschung durch Klicks. Wir haben das nötige Wissen und eine Unmenge an wichtigen und guten Informationen, aber die wenigsten nützen sie. Die Beschäftigung mit der Historie der Zauberkunst ist oft lästig, weil sie Demut verlangt und Zeit erfordert. Sie sagt einem dazu noch, dass man nicht der Erste ist.
Wer die Geschichte verdrängt, der verliert nicht nur die Richtung, sondern auch den Boden unter den Füßen. Die großen Meister wussten genau, woher sie kamen, und genau das war der Grund für ihren einzigartigen Stil. Heute wissen viele nicht einmal mehr, wohin sie gehören, weil ihnen der Bezug fehlt – zu einer Linie, zu einer Tradition, zu einem Gedanken, der älter ist als sie selbst. Wenn man sich nicht an etwas erinnert, dann kann man es auch beliebig formen und verwechseln. Geschichte zu kennen, heißt, sich selbst einzuordnen und zu begreifen, wo man im Leben steht. Wer das nicht kann oder nicht will, bleibt einfach Anfänger, auch wenn er sich modern gibt.
Der stille Verrat
In der Zauberei ist es kaum noch still. Alles wird gefilmt, geteilt und kommentiert, als müsste jede Regung des Schaffens sofort sichtbar werden, um zu gelten. Es darf einfach kein Gedanke mehr reifen und kein Moment darf verborgen bleiben. Aber gerade wenn man nicht sagt, was man denkt, liegt der eigentliche Zauber – in der Zurückhaltung, im Schweigen, im bewussten Verzicht auf Erklärung.
Die Gegenwart duldet keine Ruhe mehr. Sie fordert ständige Präsenz, quasi ein ununterbrochenes Lebenszeichen. Der Künstler wird zum Kommentator seiner eigenen Arbeit und verliert dabei oft das, was ihn überhaupt erst antreibt. Früher hatten Ideen mehr Zeit, um zu wachsen. Heute werden sie viel zu früh nach außen gezerrt. Dadurch verlieren sie ihre Form und können sich nicht entwickeln.
Früher war die Stille der Raum, in dem sich etwas entwickeln konnte – unscheinbar, langsam, geduldig. Heute gilt Schweigen als Schwäche, als Mangel an Aktivität, als Rückzug in ein vermeintliches Nichts. Aber die besten Ideen kommen oft, wenn man nicht nur tut, sondern auch nachdenkt. Also da, wo man nicht gefilmt wird und kein Publikum guckt. Wer zu früh zeigt, verliert Tiefe. Wer zu viel zeigt, hat bald nichts mehr, das er zeigen könnte.
Wer die Stille verrät, verrät auch das Staunen. Vielleicht sollten wir wieder etwas nicht sagen, nichts posten, nichts erklären, sondern einfach arbeiten. In dieser unscheinbaren Leere, die viele meiden, liegt der Anfang von allem, was Bestand hat.

