LEUCHTFEUER #3

LEUCHTFEUER #3

Warum “natürlich wirken” oftmals der falsche Rat ist

“Sei natürlich”, “Wirke locker”, “Tu so, als wäre alles normal” – das hören wir überall. Und es klingt auch richtig. Wer will schon steif und verkrampft wirken? Und selbstverständlich sollten unsere Griffe und Techniken natürlich aussehen, Dai Vernon legte auch (berechtigterweise) größten Wert darauf.

Aber lass mich einen Gedanken mit dir teilen.

Performance an sich ist nicht immer natürlich – und vielleicht soll sie das auch gar nicht immer sein. Manchmal ist es vielleicht beabsichtigt, dass jemand, der aussieht wie eine graue, unscheinbare Maus, Wunder vollbringt, bzw. die Wunder in seinem Beisein einfach so “passieren”. Dann ist das eben die ihm/ihr zugedachte ROLLE.

Aber es gibt eben auch die andere Seite der Medaille: Wenn beabsichtigt ist, dass der Performer aussergewöhnlich wirken soll, also keineswegs “normal” oder “natürlich”.

Denk mal drüber nach: Wir stehen als Zauberkünstler vor Menschen und tun etwas Unmögliches. Wir lassen Dinge verschwinden, erscheinen, sich verwandeln. Wir lesen Gedanken, treffen Vorhersagen, bewegen nur mit Gedankenkraft Gegenstände. Das ist per Definition nicht “normal”. Wenn wir versuchen, “natürlich” zu wirken, während wir etwas Außergewöhnliches tun, entsteht ein merkwürdiger Widerspruch.

Die wirklich großartigen Performer sind vielmals nicht natürlich – aber sie sind PRÄSENT. Und das ist etwas völlig anderes.

Präsenz bedeutet: ganz da sein, fokussiert, im Moment. Wir spielen dabei eine Rolle – die Rolle des Zauberers, der etwas zeigt, das es eigentlich nicht geben dürfte. Wie ein guter Schauspieler nicht “natürlich” wirkt, sondern WAHRHAFTIG – vollständig in seiner Rolle, auch wenn die Rolle selbst künstlich ist.

Wenn wir unsere Aufregung verstecken, unsere Energie herunterschrauben, alles “normalisieren” – dann verlieren wir genau das, was unsere Performance besonders machen kann.

Vielleicht dürfen wir die Situation annehmen: Wir zeigen etwas Besonderes. Wir dürfen aufgeregt sein, intensiv sein, ANDERS sein als im Alltag.

Das Publikum will keinen normalen Menschen sehen. Es will einen Zauberer sehen. Jemanden, der aussergewöhnlich ist.

Nächstes Mal sprechen wir über etwas, das die Szene besonders beschäftigt – das aber das Publikum überraschend wenig interessiert: das Geheimnis.

Bis zum nächsten Mal,

Alexander

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