Die Schatzkarte, die schon existiert
Es gibt eine Frage, die ich seit Jahren immer wieder höre: „Wo finde ich gutes Material?“ Und die Antwort, die ich geben möchte, ist so einfach, dass sie fast wehtut.
Die besten Tricks existieren bereits. Sie stehen in Büchern, die du wahrscheinlich schon besitzt, oder in Magazinen, die du irgendwann mal durchgeblättert und dann ins Regal gestellt hast. In eBooks, die seit Jahren auf deiner Festplatte schlummern. Das Problem war nie, dass es nicht genug gutes Material gibt. Das Problem war immer, zu wissen, wo die Diamanten liegen.
Und genau deshalb möchte ich dir heute etwas vorstellen, das mir enorm viel gegeben hat: Mark Elsdons „Hidden Gems“.
Elsdon ist ein britischer Mentalismus-Performer und Autor, den viele von euch kennen werden, etwa durch seine „Conversation As Mentalism“-Reihe oder seine Kreationen wie B’Voque und Ouroboros. Aber die Hidden Gems sind etwas anderes. Sie sind kein Trickbuch. Elsdon erklärt hier keine eigenen Effekte. Stattdessen hat er etwas gemacht, das eigentlich so naheliegend ist, dass man sich fragt, warum es nicht längst jeder gemacht hat.
Er hat seine Notizbücher geöffnet.
Über Jahrzehnte hat Elsdon Post-its in Bücher geklebt, Ränder vollgeschrieben, Tricks markiert und katalogisiert. Material, das er gelesen, gelernt und aufgeführt hat, teilweise über zwanzig oder dreißig Jahre hinweg. Und dann hat er sich hingesetzt und das Destillat dieser Lebensarbeit in eine Serie von eBooks gegossen: Zehn Bände plus eine reine Mentalismus-Ausgabe. Jeder Band enthält rund hundert kommentierte Empfehlungen. Zusammen sind das über tausend handverlesene Perlen aus der gedruckten Zauberliteratur.
Ich sage bewusst „kommentierte Empfehlungen“, weil das den Unterschied ausmacht. Elsdon gibt dir nicht einfach eine Quellenangabe und lässt dich allein. Er erzählt dir, warum der Trick besonders ist. Er sagt dir, ob er sich für Close-up eignet oder für Stand-up, ob er eher für Sessions mit anderen Zauberern taugt oder für echte Auftritte vor Laien. Er verrät dir, welche Variante er bevorzugt und warum. Er empfiehlt dir den Bonus-Trick, der direkt daneben im selben Buch steht. Und er schreibt das alles mit einer Leidenschaft, die ansteckend ist. Da steht dann: „I nearly spat my tea out when I first saw this!“ oder „This has been in my repertoire for almost 30 years.“ Das ist kein Katalog. Das ist ein Mensch, der seine Begeisterung teilt.
Was mich an der Serie am meisten beeindruckt hat, ist die Systematik dahinter. In jedem Band plündert Elsdon gezielt ein bestimmtes Magazin: Apocalypse im ersten Band, MAGIC Magazine im zweiten, Labyrinth im dritten, Richard’s Almanac im vierten, The Minotaur im fünften. Und in den späteren Bänden widmet er sich einzelnen Autoren, etwa Bruce Elliott oder Robert Neale oder Michael Weber. Das ist kein Zufall, das ist ein Curriculum. Wer alle Bände liest, bekommt nicht nur tausend Tricks empfohlen, sondern einen strukturierten Überblick über die wichtigsten Quellen der Zauberliteratur.
Und jetzt kommt der Punkt, der mich am meisten beschäftigt hat.
Wenn du die Hidden Gems liest, dann merkst du, dass die allermeisten Tricks, die Elsdon empfiehlt, in Büchern stehen, die du entweder schon besitzt oder für ein paar Euro gebraucht kaufen kannst. Die Diamanten liegen nicht hinter einer Paywall – sie liegen in deinem Regal. Du musstest nur wissen, wo du graben sollst.
Elsdon selbst formuliert das so: „We truly have access to an embarrassment of riches when it comes to material, which is why it’s all the more disheartening to see so many performers doing the same tricks.“
Das ist der Kern. Wir haben Zugang zu einem geradezu peinlichen Reichtum an großartigem Material und trotzdem machen die meisten Zauberer dieselben Tricks. Weil sie dem Hype folgen, statt die Literatur zu lesen. Weil sie kaufen, was alle kaufen, statt zu entdecken, was sonst niemand macht.
Hidden Gems ist ein Gegenmittel. Es ist die praktischste, zugänglichste Anleitung, die ich kenne, um sich selbstständig ein Repertoire aufzubauen, das wirklich einzigartig ist. Nicht indem du den neuesten Download kaufst, den nächste Woche schon wieder jeder kennt. Sondern indem du die Bücher oder Magazine aufschlägst, die du schon hast, und darin Dinge findest, die sonst niemand zeigt.
Ich gebe dir ein Beispiel. In Band 2 empfiehlt Elsdon „Collective Telepathy“ von Juan Tamariz, veröffentlicht im Oktober 2002 in Genii Magazine. Eine Routine, bei der die Zuschauer gemeinsam den Namen einer Person erraten, die nur ein Einziger im Raum kennt. Kein Stooging, keine doppelte Realität. Pures Tamariz-Genie. Elsdon hat die Routine live gesehen und schreibt dazu eine Warnung: „You might read it and think it’s not as good as I’m making it out to be. Don’t! It IS that good I promise.“ Diese Routine stand zehn Jahre lang in einem Magazin, bevor Elsdon sie live gesehen hat. Zehn Jahre, in denen sie darauf gewartet hat, entdeckt zu werden. Und das ist nur eine von tausend.
Oder nimm „Between The Lines“ von Michael Murray aus Band 1: Du gibst dem Zuschauer eine gefaltete Buchseite. Er beschreibt, was er sich vorstellt. Dann wird die Seite aufgefaltet und vorgelesen, und der Text spiegelt exakt seine Gedanken wider. Kein Switch. Elsdon: „One of the best tricks ever devised and I guarantee no one you know is doing it.“
Das ist der springende Punkt. Keiner macht es. Das Material ist da, es ist genial, es ist bezahlbar, und trotzdem zeigt es niemand. Weil niemand davon weiß. Weil es „hidden in print“ ist, wie Elsdon es nennt. Verborgen im Druck. Genau dort, wo man es suchen sollte, aber kaum jemand hinschaut.
Es gibt Menschen, die brauchen den neuesten Release alle zwei Wochen. Die dem Algorithmus folgen, dem Hype-Zyklus, dem Social Proof. Und es gibt Menschen, die lieber ihren eigenen Weg gehen. Die lieber ein Buch aufschlagen als einen Download kaufen. Die verstanden haben, dass die Literatur der Zauberkunst einer der größten Schätze ist, den unser Hobby zu bieten hat, und dass man diesen Schatz nur heben muss.
Für die zweite Gruppe sind die Hidden Gems gemacht. Und wenn du bis hierhin gelesen hast, gehörst du wahrscheinlich dazu.
Die E-Books kosten nicht viel (Mark hat im März sogar ein Hardcoverbuch mit allen 10 Hidden Gems herausgebracht) und sind direkt bei Mark Elsdon (https://elsdon.blogspot.com/2026/03/) oder bei Lybrary.com erhältlich. Aber eigentlich geht es nicht um die PDFs selbst. Es geht um das, worauf sie zeigen. Es geht um die Bücher in deinem Regal, die Magazine in deinem Schrank, die eBooks auf deiner Festplatte. Es geht um den Reichtum, der dir schon gehört.
Du musst nur anfangen zu lesen.
Bis zum nächsten Mal,
Alexander


