Je länger ich mich mit Bühnenarbeit beschäftige, desto deutlicher wird mir, was mir seit Jahren auffällt: Sprache wird immer mehr wie ein Wegwerfartikel benutzt. Wörter werden wie zerknüllte Kassenzettel hingeschleudert – ohne Gewicht, ohne Bewusstsein, ohne das Wissen darum, dass jedes Wort eine Spur hinterlässt. Das wird besonders drastisch, wenn es im Zusammenhang mit Zauberkunst geschieht – einer Kunstform, die mehr als jede andere vom präzisen Umgang mit Aufmerksamkeit lebt. Wer das Publikum eines Saals steuern will, muss seine Sprache beherrschen. Und doch sehe ich immer häufiger das Gegenteil: weichgespülte Phrasen, Floskeln aus dem Coaching-Baukasten und belanglose Selbstversicherungen. Eine Art sprachliches Wattepolster, das jede Schärfe, jede Haltung und jede klare Linie absorbiert.
Es beginnt schon mit der Art, wie viele Künstler ihre Sätze abschwächen. „Ich persönlich finde …“ – ein Satz, der ungefähr so viel Konsequenz hat wie entkoffeinierter Kaffee. Wer auf der Bühne steht und „Ich persönlich finde“ sagt, signalisiert unbewusst: „Ich möchte niemandem wehtun. Ich möchte meine Aussage entschärfen. Ich hoffe, dass mich dafür niemand angreift.“ Das ist jedoch das genaue Gegenteil dessen, was für Bühnenpräsenz nötig ist. Präsenz entsteht aus Klarheit. Klarheit entsteht durch Sprache, die nichts entschuldigt. Wenn ein Künstler auftritt, ist er in diesem Moment die stärkste Figur im Raum. Er gibt den Rhythmus vor, strukturiert die Wahrnehmung und setzt den Fokus. Wer diese Position mit verbalem Schaumstoff auskleidet, verliert sie, bevor der erste Trick begonnen hat.
Noch schlimmer ist das inflationäre „gerne“. Ein kleines Wort, das inzwischen überall klebt wie ein billiger Allzweckkleber. „Ich helfe Ihnen gerne“, „Gerne zeige ich Ihnen …“, „Wenn Sie möchten, gerne …“. Dieses „gerne“ ist selten ehrlich gemeint. Es ist eine reflexhafte Höflichkeit, die in Wahrheit Hilflosigkeit verrät. Man polstert seine Aussage ab, weil man nicht direkt klingen will. Das Problem: Auf der Bühne wirkt dieser Reflex wie eine leise Kapitulation. Anstelle einer natürlichen Autorität strahlt der Künstler plötzlich das Bedürfnis aus, sich lieb Kind zu machen. Man sieht förmlich, wie die Haltung in sich zusammensackt. Selbst ein perfekter Trick wirkt unsouverän, wenn der Künstler spricht, als stünde er noch in der Service-Hotline und nicht auf einer Bühne.
Zauberkunst ist eine Kunst der Präzision. Nicht nur in der Technik, sondern auch in der Sprache. Jeder Satz, jeder Nebensatz, jede Formulierung legt eine Fährte. Manche Fährten lenken elegant ab, manche lenken in die Irre und manche öffnen Türen, während andere sie verschließen. Sprache ist Teil des Effekts. Wer unbewusst Formulierungen verwendet, die ihn selbst schwächen, sabotiert seine eigene Arbeit. Das Publikum nimmt solche Signale sofort wahr. Nicht bewusst, aber intuitiv. Wenn jemand auftritt und im ersten Satz sagt: „Ich würde Ihnen jetzt gerne etwas zeigen …“, sinkt sein innerer Status auf null. Der Künstler wirkt, als bitte er um Erlaubnis, seine Kunst ausüben zu dürfen. Dabei sind es die Menschen, die für ihn Platz gemacht haben, das Licht wurde für ihn eingeschaltet und es ist Stille eingetreten. Wer in dieser Situation „gerne” sagt, macht sich klein.
Das hat nichts mit Arroganz zu tun. Souveränität ist keine Überheblichkeit. Sie entsteht aus einer inneren Ruhe und der Überzeugung, etwas Beständiges zu geben zu haben. Dazu braucht es keine großen Worte. Es braucht aber klar formulierte Wörter. Ein Künstler, der zu seinem Publikum sagt: „Ich zeige Ihnen jetzt etwas“, wirkt stärker als jemand, der dieselbe Aussage mit „persönlich“, „gerne“, „eigentlich“ oder „irgendwie“ auspolstert. Diese Weichmacher haben sich im Alltag eingebürgert, weil viele Menschen Angst haben, zu direkt zu klingen. Aber die Bühne ist kein Alltag. Bühne ist Verdichtung. Und in dieser Verdichtung hat Unsicherheit keinen Platz.
Sprachliche Klarheit ist Teil der Misdirection. Wer sauber formuliert, lenkt sauber. Wer unklar formuliert, erzeugt gedankliche Nebenwege, die niemand braucht. Manche Künstler glauben, sie müssten „locker” oder „volksnah” sprechen, um dem Publikum zu gefallen. Das Gegenteil ist der Fall. Das Publikum liebt Klarheit. Publikum liebt Fokus. Es reagiert auf Haltung. Wo nebulöse Satzanfänge, Relativierungen oder ständige Selbstversicherungen auftauchen, entsteht Unschärfe. Und Unschärfe ist für die Zauberkunst fatal. Zauberkunst lebt von der Illusion absoluter Kontrolle. Wer sprachlich fahrig wirkt, verliert diese Illusion.
Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um Bewusstsein. Jeder Künstler sollte sich fragen: Welche Wörter verwende ich, ohne darüber nachzudenken? Wo schwäche ich mich selbst? Wo rede ich mir die eigene Präsenz klein? Seine Texte – seien es Moderationen, Vorträge, Einleitungen oder Dialoge – sollte man mit derselben Präzision durchgehen wie die Technik. Welche Wörter gehören wirklich hinein? Welche dienen nur dazu, Unsicherheit zu kaschieren? Und warum benutze ich sie überhaupt?
Sprache ist ein Werkzeug. Ein Trick ist jedoch nur die halbe Miete. Der andere Teil ist die Art und Weise, wie der Trick eingebettet wird. Wer sich sprachlich klar ausdrückt, verstärkt die Wirkung seiner Kunst. Eine gelungene Formulierung kann eine mittelmäßige Technik tragen. Eine schwache Formulierung hingegen kann eine Meistertechnik ruinieren. Das ist das Paradoxe und zugleich Faszinierende an der Zauberkunst: Sie ist sowohl sichtbar als auch unsichtbar. Sprache bewegt sich an dieser Schnittstelle. Der Zuschauer hört die Sprache, während er nicht versteht, was er sieht. Wer diese Ebene beherrscht, beherrscht die Kunst.
Es wäre an der Zeit, eine Rubrik über die inflationäre, unnötige und manchmal völlig sinnfreie Verwendung von Sprache zu führen. Nicht als Spott, sondern als Einladung, bewusst hinzuhören. Künstler müssen nicht viel reden, aber sie müssen gut reden. Und wenn sie schon reden, dann sollten sie es mit Haltung tun. Die Bühne ist kein Ort für Selbstentschuldigungen. Sie ist ein Ort für Klarheit. Wer das beherzigt, hebt seine Kunst auf ein anderes Niveau.

