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Ausverkauf der Bücher

Es ist ein Schauspiel, das man nur mit Kopfschütteln betrachten kann. Ich erhalte regelmäßig die Händlerwerbungen. Und im Moment überbieten sich die meisten zurzeit mit derselben Botschaft: „Großer Ausverkauf! Bücher zu 80, 70, 60 Prozent reduziert! Greif zu! Unser Großhändler hat uns dieses Angebote gemacht, und wir wollen das natürlich an euch Kunden weitergeben.“ Als wäre das eine große Leistung.

Was steckt dahinter? Kein besonderes Engagement, kein Einsatz für die Sache, keine Vision. Sondern ein Großhändler in Amerika, der sich entschlossen hat, seine Lager zu räumen. Er will Platz schaffen und drückt die Restbestände in den Markt. Unsere Händler übernehmen das blind und verkaufen die Bücher nun wie alte Jogginghosen im Sommerschlussverkauf.

Das klingt nach Schnäppchen. Es klingt nach Gelegenheit, billig einzukaufen. Aber in Wahrheit ist es ein Schlag ins Gesicht der Zauberkunst. Denn es trifft ausgerechnet das Rückgrat unserer Kultur: Bücher.

Seit dem Mittelalter waren Bücher das Mittel Nummer eins, um Wissen zu bewahren und weiterzugeben. Ganze Generationen haben davon profitiert, dass Gedanken, Theorien, Routinen und Erkenntnisse in Büchern niedergeschrieben wurden – als Fundament für alles, was danach kam. Und jetzt? Jetzt werden diese Bücher von einem geldgierigen Großhändler auf den Mülltisch gelegt, zu Schleuderpreisen rausgehauen. Er degradiert ein Kulturgut zu einem Artikel wie jede x-beliebige Ramschware. Und das perfide: Er zieht die kleineren Händler gleich mit hinein. Sie übernehmen diese Praxis kritiklos, animieren ihre Kunden dazu, die „Schnäppchen“ mitzunehmen – und merken nicht einmal, dass sie damit die eigene Grundlage zerstören. Das ist nichts anderes als eine Diktatur der Ahnungslosen, getrieben von Profitgier, die den Niedergang der Intelligenz in unserer Zunft beschleunigt.

Bücher sind nicht nur bedrucktes Papier. Sie sind die Träger von Wissen, die Archive von Ideen, die Stimmen von Künstlern, die ihre Gedanken in eine Form gebracht haben, die Bestand haben sollte. Bücher sind das, was Zauberkunst über Jahrzehnte geprägt und weitergetragen hat. Sie sind der Grund, warum wir überhaupt über Techniken, Routinen und Theorien verfügen, die tiefer reichen als der neueste Kartengriff auf YouTube.

Und genau da liegt der nächste Punkt: Kein YouTube-Clip, kein Online-Tutorial, keine visuelle Kurzform kann das Studium eines guten Buches ersetzen. Wer liest, setzt sich auseinander. Wer liest, denkt nach. Wer liest, verknüpft und verinnerlicht. Das ist harte Arbeit, aber es ist die Arbeit, die Zauberkünstler wachsen lässt. Ein Clip dagegen ist Konsum. Schnell geschaut, schnell nachgeahmt, schnell vergessen. Man versteht vielleicht die Bewegung, aber nicht den Kontext, nicht die Psychologie, nicht die Philosophie dahinter. Ein Buch zwingt dich, dir diese Tiefe anzueignen – und genau das unterscheidet den ernsthaften Künstler vom bloßen Kopisten.

Nun aber werden Bücher wie Abfall behandelt. Schleuderware. Einmal durch den Ausverkauf gedrückt, auf den Wühltisch geworfen, und der Kunde soll glauben, er habe ein „Schnäppchen“ gemacht. In Wahrheit hat er nur beigetragen zur Entwertung dessen, was unsere Kunst groß gemacht hat.

Als Autor trifft mich das besonders. Ich weiß, was es bedeutet, ein Buch zu schreiben. Monate, Jahre der Arbeit, um Gedanken zu ordnen, Erfahrungen festzuhalten, Wissen zu strukturieren. Und dann wird dieses Werk in einer Welle von Rabattaktionen abgesoffen, degradiert zum „Schnäppchen“. Was für ein Wort für das, was eigentlich Kultur sein sollte.

Man muss es klar benennen: Das ist der Niedergang des Wissens. Der Niedergang einer Tradition, die unsere Kunst groß gemacht hat. Wir sind dabei, in eine Generation hineinzurutschen, die mit Literatur nichts mehr anfangen kann. Die sich nur noch an Clips festhält, die im Vorbeiscrollen gesehen und ebenso schnell wieder vergessen sind. Eine Generation, die das Gelesene nicht mehr versteht, geschweige denn umsetzen kann.

Statt geduldig eine Routine durchzuarbeiten, den Text zu durchdringen, Fehler zu machen, wieder anzusetzen und das Gelernte in eigene Praxis zu verwandeln, geht es nur noch um den schnellen Konsum. „Schau dir das Video an, kopier die Bewegung, poste dein eigenes Video.“ Aber das ist nicht Lernen. Das ist nicht Kunst. Das ist der Abstieg in eine Oberflächlichkeit, die uns als Zauberkünstler ärmer macht.

Und das perfide daran: Die großen Händler befeuern diesen Prozess. Sie füttern die Konsumgesellschaft, in der alles zur Wegwerfware wird. Literatur, die eigentlich Gewicht und Tiefe haben sollte, wird in denselben Topf geworfen wie überlagerte Cornflakes. „60 Prozent reduziert, alles muss raus.“

Es ist die Logik des Ausverkaufs. Aber was hier ausverkauft wird, ist nicht nur ein Lagerbestand, sondern eine Kultur. Es ist die Entwertung dessen, was Zauberkunst über Jahrhunderte getragen hat: das Studium, die geduldige Auseinandersetzung, die Weitergabe von Wissen in einer Form, die über den Moment hinaus Bestand hat.

Ich sage das nicht, um nostalgisch zu klingen. Ich sage das, weil ich überzeugt bin: Ohne Bücher, ohne Literatur, ohne das tiefe Verstehen dessen, was vor uns gedacht und geschaffen wurde, wird unsere Kunst verflachen. Wir werden zu Trickkünstlern degradiert, die nur noch schnelle Effekte aneinanderreihen, ohne Substanz, ohne Kultur, ohne Wurzeln.

Natürlich könnte man jetzt argumentieren: „Aber ist es nicht gut, wenn Bücher billig werden und mehr Leute Zugang haben?“ Nein, nicht auf diese Weise. Billig ist nicht gleichbedeutend mit zugänglich. Wenn etwas verramscht wird, verliert es seinen Wert. Es wird zu etwas, das man zwar ins Regal stellt, aber nicht ernst nimmt. Der Preis sendet ein Signal. Und das Signal hier lautet: „Das ist nichts wert.“

Das Gegenteil ist der Fall. Literatur in der Zauberkunst ist das Wertvollste, was wir haben. Sie ist das Gedächtnis unserer Zunft. Wer sie billig verramscht, verrät dieses Gedächtnis.

Es geht nicht darum, Bücher zu horten. Es geht darum, sie zu lesen, zu studieren, zu verarbeiten, sie zum Fundament des eigenen Könnens zu machen. Das ist Arbeit. Das ist keine Konsumhandlung. Und genau diese Haltung verlieren wir gerade, weil uns die Händler suggerieren, dass es um den Preis geht, nicht um den Inhalt.

Ich sage es deutlich: Wir brauchen weniger Ausverkauf und mehr Bewusstsein. Weniger Rabattaktionen und mehr Respekt. Weniger „alles muss raus“ und mehr „das bleibt, weil es wichtig ist“.

Denn Zauberkunst lebt nicht vom schnellen Effekt, sondern von der Tiefe. Von den Gedanken, die andere vor uns aufgeschrieben haben. Von der Mühe, die wir investieren, um sie zu verstehen. Von der Ernsthaftigkeit, mit der wir uns diesem Handwerk und dieser Kunst widmen.

Wenn wir das vergessen, wenn wir das dem Ramsch opfern, dann ist es nicht nur ein Ausverkauf von Büchern. Dann ist es ein Ausverkauf der Zauberkunst selbst.

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