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LEUCHTFEUER #16
Die Perlenkette
Manchmal braucht es ein Bild, um etwas, das man bereits tut, greifbar zu machen. Nicht, weil die Sache neu wäre, sondern weil das Bild für Ordnung sorgt. Die Perlenkette ist so ein Bild. Sie hilft mir, Routinen zu erkennen, zu trainieren und umzugestalten, ohne im Dickicht der Einzelschritte stecken zu bleiben.
Stell dir eine Kette vor, auf der farbige Perlen sitzen, zwischen denen sich immer wieder eine schwarze befindet. Die schwarze Perle fällt kaum auf, wenn man die Kette nur flüchtig betrachtet. Die farbigen Perlen stehen für die Effekte, also für das, was das Publikum als Zauber erlebt. Die schwarzen Perlen stehen für das Dazwischen, für Überleitungen, Vorbereitungen und die Momente, in denen die Technik läuft. Sie trennen die Effekte voneinander und ermöglichen erst, dass der nächste sauber anschließen kann. Ohne diese Zwischenstücke bekommt die Routine keinen Rhythmus.
Dieses Bild ist nicht aus dem Nichts entstanden. Ähnliche Gedanken tauchen auch außerhalb der Zauberkunst auf: In der Unterrichtsgestaltung werden Lerneinheiten wie Perlen aneinandergereiht und die Übergänge bewusst gesetzt. In der Musik wird ein Stück Takt für Takt erarbeitet, bevor es als Ganzes gespielt wird. In der Kartenzauberei gibt es beispielsweise die ehrgeizige Karte als modulares Routinen-Gerüst aus einzelnen Phasen (Einzeleffekte). Was die Perlenkette für mich besonders macht, ist die klare Zweiteilung: Die Farbe steht für das Sichtbare, das Schwarz für das Unsichtbare. Der Faden, auf den die Perlen aufgefädelt sind, hält alles zusammen. Es ist aber nicht nur der Faden, der die Kette zusammenhält und die Überleitung bildet, sondern auch die schwarze Perle. Sie ist Teil der Struktur und somit Teil dessen, was man lernen und beherrschen muss.

Betrachte Slydinis One-Coin-Routine. Im Kern wiederholt sich derselbe Effekt: Eine Münze erscheint, eine Münze verschwindet – aber jedes Mal auf andere Weise. Zwischen den Erscheinungen und Verschwindens setzt der Vorführende jene unsichtbaren technischen Übergänge ein, etwa den Imp-Pass, mit dem die Münze ungesehen von einer Hand in die andere gelangt und so die nächste Produktion ermöglicht wird. Das Publikum nimmt vor allem die farbige Perle wahr (die schwarze fällt wie beim Blackart-Prinzip weniger auf bzw. wird unsichtbar), für dich als Vorführende/Vorführenden ist die schwarze Perle jedoch genauso real und wichtig, denn ohne sie bricht die Kette und die Routine fällt auseinander. Die One-Coin-Routine zeigt besonders gut, wie eine solche Kette aussieht. Es gibt viele verschiedene farbige Perlen, die immer wieder von diesen Technik-Perlen durchsetzt sind.
Ein anderes Beispiel ist die altbewährte „Ambitious Card”, bei der die unterschriebene Karte immer wieder nach oben steigt. Die farbigen Perlen stehen für die verschiedenen Phasen (und deren Methoden), mit denen dieser Effekt erzeugt wird. Die Perlen können auch unterschiedliche Farben haben. Eine bunte Perlenkette wirkt anders als eine Kette mit nur schwarzen und weißen Perlen. Die schwarzen Perlen dazwischen stehen für die Vorbereitung und die geheime Technik, also für die Momente, in denen zwar nichts „passiert”, aber dennoch alles passiert. Während das Publikum idealerweise nur die bunten Perlen wahrnimmt, siehst du die gesamte Kette.
Wozu das Ganze? Das Bild der Perlenkette eignet sich gut, um das Einstudieren, Überarbeiten und Memorieren einer mehrphasigen Routine zu vereinfachen und klarer zu gestalten. Wer eine Routine als endlosen Strom von Einzelschritten lernt, verliert leicht den Faden. Wer sie hingegen als Perlenkette sieht, übt Perle für Perle, d. h. einen Effekt mit allem, was dazugehört, separat – inklusive der schwarzen Perle davor oder danach. Das geht viel schneller und man kommt weniger durcheinander. Es ähnelt dem Musizieren, bei dem man zuerst den ersten Takt, dann den zweiten usw. übt und erst danach das ganze Lied. Du lernst also nicht „die ganze Routine“ als unüberschaubare Liste, sondern einzelne Module, die du zusammensetzen und, wo es technisch möglich ist, auch umordnen kannst.
Für das Publikum bleiben die schwarzen Perlen unsichtbar – und das sollen sie auch bleiben. Für dich gehören sie zur Struktur der Routine genauso dazu wie die farbigen Perlen. Wer die Kette so versteht, verzettelt sich weniger beim Lernen und behält den Überblick, wenn er eine Routine analysiert, umbaut oder neu auffädelt.
Dieses Konzept trifft auch in gewissem Maße auf die Zusammenstellung einer ganzen Darbietung oder eines abendfüllenden Programms zu. In diesem Fall sind die einzelnen Kunststücke, die jeweils eine kleine Perlenkette bilden, die bunten Perlen. Die schwarzen Perlen sind die Überleitungen. Und alle Perlen sind auf einen Faden aufgefädelt. Zusammen ergibt das die „Nummer” oder das Programm.
Bis zum nächsten Mal,

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