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LEUCHTFEUER #17
Spannung – Was wir von Alfred Hitchcock lernen können
{briefanrede},
Alfred Hitchcock hat einmal zwei Versionen derselben Szene gegenübergestellt, und den Unterschied vergisst man nicht wieder.
Zwei Menschen sitzen an einem Tisch und unterhalten sich, bis plötzlich eine Bombe explodiert. Das Publikum ist überrascht, ungefähr fünfzehn Sekunden lang.
In der anderen Version sieht das Publikum, wie jemand die Bombe unter den Tisch legt, bevor sich die beiden setzen. Dann setzen sie sich und reden über das Wetter, über Fußball, über irgendetwas Banales. Sie bemerken die Bombe unter dem Tisch nicht! Jetzt ist das Publikum fünfzehn Minuten lang gespannt. Es ist nichts passiert, keine Bombe ist explodiert, und man wird schier verrückt und fragt sich: "Merken die das denn nicht?"
Hitchcock nannte das Surprise versus Suspense. Die Überraschung ist in einem Moment vorbei, die Spannung hält, solange wir wissen, dass etwas unter dem Tisch liegt, und darauf warten.
Er hat das in fast jedem seiner Filme benutzt. In „Rear Window“ weiß das Publikum, dass der Mann gegenüber gefährlich ist. Dann geht die Frau, der wir folgen, in genau diese Wohnung, und wir müssen zusehen, wie er nach Hause kommt, während sie noch drin ist. In „Psycho“ hat er uns dazu gebracht, mit einer Frau mitzufiebern, die Geld gestohlen hat. Als wir anfingen, sie zu mögen, kam die Duschszene. Sein Werkzeug war die Diskrepanz zwischen dem, was wir wussten, und dem, was die Figuren nicht wussten.
Hitchcock sagte einmal: „There is no terror in the bang, only in the anticipation of it.“ Der Schrecken liegt nicht im Knall, sondern im Warten auf den Knall.
Wenn wir eine Karte wählen lassen und sie sofort präsentieren und sagen: „Schaut mal, tataaa – hier ist die gewählte Karte“, dann ist das ein Knall ohne das Warten davor, vielleicht eine Überraschung, aber niemand fiebert, was genau passieren wird.
Spannung entsteht, wenn der Zuschauer warten muss. Wenn er weiß, dass etwas geschehen wird, aber nicht wie, wann oder ob es klappt. Er sieht die Bombe unter dem Tisch, weiß, was passieren könnte, und kann nichts tun außer zuzuschauen.
Drei Dinge davon können wir direkt übernehmen.
Das erste ist der Wissensvorsprung. Hitchcock hat dem Publikum oft mehr gesagt als den Figuren. Spannung kommt nicht aus Unwissenheit, sie kommt aus dem Wissen, dass etwas Bestimmtes passieren könnte.
Für uns bedeutet das: Mancher Trick wird stärker, wenn die Zuschauer schon vorher etwas sehen oder hören, das eine Vorahnung erzeugt. Eine Vorhersage, die von Anfang an in einem Umschlag liegt, vielleicht ein Datum oder ein Wort auf einem Zettel. Oder eine Karte, die schon lange vor dem Trick sichtbar auf dem Tisch liegt. Der Zuschauer weiß, da ist etwas, und wartet darauf zu erfahren, was es bedeutet. Die Spannung beginnt lange vor dem eigentlichen Moment. Paul Curry hat das mit seiner Open Prediction vorgemacht: Die Vorhersage liegt offen da, bevor irgendetwas geschieht.
Das zweite ist, dass uns das Ergebnis etwas angehen muss. Hitchcock wusste, Spannung funktioniert nur, wenn für uns etwas auf dem Spiel steht. Ist uns egal, was mit den Figuren passiert, können wir die Bombe unter den Tisch legen, wie wir wollen.
Das übersehen wir in der Zauberei oft. Technisch kann alles stimmen, und trotzdem passiert nichts, weil dem Zuschauer das Ergebnis gleichgültig ist. Er hat keinen Grund, sich zu sorgen, ob es klappt. Diesen Grund müssen wir erst herstellen. Das kann eine Geschichte sein, die mit dem Trick zusammenhängt. Es kann etwas sein, das der Zuschauer selbst eingebracht hat. Es kann auch einfach die Frage sein: Was passiert, wenn es nicht klappt? Beim Bank Night zum Beispiel steht etwas auf dem Spiel, das man verlieren kann. Dann ist plötzlich nicht mehr egal, wie die Routine ausgeht.
Das Dritte ist die Verzögerung. Hitchcock hat Konflikte und Spannungen nicht früher aufgelöst, als er musste. Er hat Szenen gedehnt, Momente gestreckt und Informationen zurückgehalten, weil die Spannung im Warten liegt. Im Schnitt hat er immer wieder geschaut, ob man noch einen Moment länger warten kann.
Wir lösen unsere Kunststücke oft zu früh auf. Wir eilen zum guten Teil, weil wir das Kunststück zeigen und zu Ende bringen wollen, in der Hoffnung auf den Applaus. Der gute Teil ist aber nicht das Kunststück selbst, sondern die Spannung bei den Zuschauern davor.
Und Spannung ist nicht Bedrohung, sondern Ungewissheit, bei der uns das Ergebnis etwas angeht. In Hitchcocks Filmen geht es nicht immer um Leben und Tod. Manchmal ist es ein Geheimnis, eine Frage, ein Missverständnis. Aber das Ergebnis soll wichtig erscheinen.
Hitchcock hat die Kamera so gesetzt, dass das Publikum die Bombe sah. Er hat entschieden, welche Information wir bekommen und welche nicht. Das Erlebnis war von der ersten Szene an entworfen, nicht nur die Handlung der Figuren.
Wir können dasselbe tun (mit Bedacht!). Welche Information bekommen die Zuschauer zuerst? Was sehen sie, bevor der eigentliche Trick beginnt? Was werden sie sich denken, wenn ich dieses Objekt zeige, diesen Satz sage oder diese Pause einbaue?
Wer eine Vorführung so aufbaut, fängt an, Spannung zu bauen: nicht als Abfolge von Tricks, sondern als das, was der Zuschauer der Reihe nach erfährt.
Hitchcock brauchte keine lauten Effekte, ihm reichte eine sichtbare, künstliche Bombe unter dem Tisch.
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Bis zum nächsten Mal,
Alexander
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