Ich bin 61 Jahre alt. Mein Gesicht hat Falten, meine Haare sind grau, mein Körper ist nicht mehr der von damals. Ich habe vierzig Jahre Bühnenerfahrung, Hunderte Shows, unzählige Fehler gemacht und daraus gelernt. Ich habe mich weiterentwickelt, bin gereift, verstehe die Zauberkunst heute anders und tiefer als mit 25.
Und dann scrolle ich durch die Newsletter der Händler und sehe mich selbst. Nicht mich heute – mich von 1991. Glatte Haut, volles Haar, jugendlicher Elan. „Alexander de Cova – jetzt wieder verfügbar!“
Sie verkaufen einen Geist. Den jungen Alexander de Cova. Den, der nicht mehr existiert.
Ich stehe zu dem Material, das ich damals gezeigt habe. Das will ich klarstellen. Was ich damals veröffentlicht habe, war für mich gut. Es hat funktioniert, es hatte seinen Wert, seine Berechtigung. Aber es ist über dreißig Jahre her. Ich bin nicht mehr dieser Mensch. Meine Techniken haben sich verfeinert, meine Präsentationen haben sich verändert, mein Verständnis von Misdirection, Performance und Psychologie ist ein anderes geworden.
Händler interessiert das natürlich nicht. Sie sehen eine Produktnummer und eine Marge. Sie graben in ihren Archiven, scannen alte VHS-Kassetten, laden sie hoch – fertig. Kein „Dürfen wir? Sollten wir?“ oder „Möchtest du vielleicht ein Update dazu schreiben?“
Was das mit mir macht? Es häutet mich sozusagen bei lebendigem Leib.
Ich arbeite heute (seit längerer Zeit schon) an neuem Material. An Gedanken, die ich erst jetzt, nach Jahrzehnten, habe. An Texten, die zeigen, wie ich heute denke. An Werken, die den Künstler repräsentieren, der ich geworden bin.
Und dann kommt ein Kunde auf mich zu und sagt: „Ja, auf dem Video von damals sahst du aber jünger aus.“
Es hält mich gefangen in meiner Vergangenheit. Es verwehrt mir die Chance, als das wahrgenommen zu werden, was ich heute bin. Es reduziert vierzig Jahre Entwicklung auf den Snapshot eines 25-Jährigen, der glaubte, er wüsste schon alles.
Die Händler machen das nicht aus Böswilligkeit. Für sie bin ich eben nur eine Zeile in der Datenbank, ein Produkt mit Verkaufspotenzial. Der Mensch dahinter? Egal. Die künstlerische Entwicklung? Irrelevant. Der Schaden für mein heutiges Image? Nicht ihr Problem.
Dass Händler mit meinem Material Geldverdienen ist nichts schlechtes und auch die Natur der Sache. Das Skurrile: Sie verdienen an meiner Vergangenheit, während ich versuche, eine Zukunft aufzubauen.
Im Showbusiness wird man oftmals an dem gemessen, was man als junger Mensch war. Die alten Aufnahmen verfolgen einen. Das Bild geht nicht mehr raus. Für viele bin ich der Typ von 1991 – nicht der Mensch von 2026.
Es ist, als würde jemand mein Tagebuch von vor dreißig Jahren nehmen und es auf dem Marktplatz verkaufen – mit meinem Namen drauf, aber ohne dass ich ein Wort dazu sagen darf.
Während alte Videos von mir zirkulieren, versuche ich, neues Material zu erschaffen und zu verkaufen. Material, das zeigt, wer ich heute bin. Material, das meine Entwicklung reflektiert. Aber warum sollte jemand mein neues Buch für 90 € kaufen, wenn er mein altes Video für 15 € bekommt? Ich werde sozusagen von meiner eigenen Vergangenheit kannibalisiert.
Ich habe jahrelang geschwiegen. Aus Höflichkeit, aus Professionalität, aus der naiven Hoffnung, dass sich das irgendwann von selbst regelt. Aber es regelt sich nicht. Es wird schlimmer.
Deshalb sage ich es jetzt: Respektiert doch bitte, dass Künstler sich entwickeln. Und versteht, dass hinter jedem Namen ein Mensch steht – nicht nur ein Produkt.
Ich bin nicht mehr 25. Ich bin 61. Und ich würde mir wünschen, für das zu gesehen werden, was ich heute bin – nicht für das, was ich vor dreißig Jahren war.


