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Nachwuchs

In der Welt der Zauberklubs gibt es eine erstaunliche Konstante: Je geringer das Niveau, desto größer der Eifer, andere zu bekehren. Die Zauberclubs, die sich als “Amateurwelt” bezeichnen, sind ziemlich von sich überzeugt. Vor allem, wenn sie versuchen, “Nachwuchs zu fördern”. Was als Idealismus beginnt, endet oft in missionarischem Dilettantismus. Das heißt, es kommt zu Gruppendynamik, Selbstüberschätzung und rührender Naivität.

Psychologisch gesehen ist die Erklärung dafür eigentlich ganz einfach. Das hat nichts mit Bosheit zu tun, sondern ist menschlich. Begeisterung ist ansteckend. Wenn man selbst erst kürzlich das Staunen entdeckt hat, glaubt man, ein höheres Ziel zu verfolgen. Er will “die Magie weitergeben”. Aber meistens gibt er nur das weiter, was er selbst nie verstanden hat.

Die emotionale Ansteckung

In jeder Gruppe entwickelt sich eine Eigendynamik. Einige Leute sind total begeistert, andere übernehmen diese Stimmung und plötzlich wird sie zum Vorbild. Es ist eine emotionale oder soziale Ansteckung. In Zauberclubs führt das dazu, dass alle total begeistert sind und nichts und niemand kritisiert wird. Wer nicht mitmacht, gilt schnell als Zyniker. Die Energie dieser Gruppen ist beeindruckend, aber sie zielt selten auf Substanz, sondern auf Bewegung. Man will was tun, irgendwas, Hauptsache gemeinsam. Oftmals artet das in blinden Aktionismus aus.

Der Dunning-Kruger-Effekt

Der zweite Punkt ist eher klassisch: Menschen, die nicht so viel können, neigen dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. In der Zauberkunst zum Beispiel glauben Amateure ohne ausreichendes Wissen, Fähigkeiten oder Bühnenerfahrung plötzlich, sie könnten (müssten) lehren. Der Dunning-Kruger-Effekt erklärt, warum sie es aufrichtig meinen: Sie wissen nicht, wie viel sie nicht wissen. Wer den Unterschied zwischen Trick und Wirkung nie wirklich verstanden hat, erkennt auch nicht, dass er ihn nicht verstanden hat. So entstehen Kurse, Workshops und “Akademien”, in denen das Mittelmaß seine eigene Kopie produziert.

In-Group-Bias

Jede Gruppe hat so ihre eigenen Geschichten. “Wir Zauberer” – das klingt nach Zugehörigkeit, nach Schutzraum, nach Bedeutung. Der In-Group-Bias beschreibt die Tendenz, die eigene Gruppe zu überbewerten und Außenstehende als unwissend oder feindlich zu betrachten. Das stärkt die Bindung, aber man denkt weniger klar. Wer dazugehört, fühlt sich in seiner Meinung bestätigt, auch wenn seine Leistung vielleicht nicht so stark ist. Wer die Partei verlässt, gilt als Abtrünniger. So entsteht ein geschlossenes System, das sich selbst bestätigt, während es sich langsam entleert.

Groupthink

Aus dieser Struktur entsteht so etwas wie Groupthink, auch kollektiver Tunnelblick genannt. Kritik gilt als unhöflich und Skepsis als destruktiv. Die Gruppe will lieber Harmonie als Erkenntnis. Sie wiederholt also ihre Rituale: Vorstandssitzungen, Nachwuchswerbung und öffentliche Vorführungen. Das sieht nach Aktivität aus, ist aber oft nur ein Kreis aus Wiederholung und Selbstvergewisserung. Es wird gar nicht mehr gefragt, ob das Gezeigte künstlerisch oder handwerklich relevant ist. Hauptsache, man ist “engagiert”.

Missionarischer Dilettantismus

Im historischen Sinne war der Dilettant ein Liebhaber (siehe Ball der Dilettanten in Wien), also jemand, der etwas aus Freude und ohne berufliche Ausbildung oder Professionalität tut. In der Goethezeit “ein gebildeter Liebhaber der Künste ohne Berufsstatus”. Im Laufe der Jahre wurde dieser Begriff jedoch negativ konnotiert. Heute steht er nicht nur für Laientum, sondern auch für mangelnde Sorgfalt und Methodik. Ein Amateur kann sehr gut sein, ein Dilettant hingegen gilt als nachlässig, schlampig, wissen- und planlos. Die meisten Zauberklubs sind ein loser Zusammenschluss von Menschen, die ein gemeinsames Hobby oder eine gemeinsame Leidenschaft haben. Und somit eine Ansammlung von Dilettanten, Amateuren und Profis. Ich wage nach vielen Jahren Kontakt und Aktivitäten in den Klubs zu behaupten, dass die Dilettanten in der Mehrzahl sind.

Wenn der Dilettant sich für einen Lehrer hält, ist das ein Fehler. Der missionarische Dilettant glaubt auch noch, er müsse seine Begeisterung verbreiten. Da ihm das Wissen fehlt, kann er jedoch nur seinen Eifer weitergeben. Und dieser Eifer ersetzt Verständnis und Können bzw. Meisterschaft durch Pathos. Der Dilettant produziert keine Schüler, sondern Kopien seiner eigenen Unwissenheit.

Das Konvertiten-Syndrom

Wenn man eine neue Leidenschaft entdeckt, möchte man sie teilen. Dieser Eifer wird auch Eifer des Neophyten oder Konvertiten genannt. Der Typ, der erst vor kurzem zu Gott gefunden hat, glaubt fest daran, dass seine Entdeckung die Welt verbessern kann. In der Zauberkunst sieht man das zum Beispiel, wenn ein Anfänger, der sich seit zwei Jahren mit Zauberkunst beschäftigt (also im Hobbyrahmen!), oder sogar schon Mitglied in einem Zauberklub ist, überzeugt ist, Kinderkurse geben zu müssen. Er will zurückgeben, was er bekommen hat – aber was hat er eigentlich bekommen? Meistens geht’s nur um die Zugehörigkeit. Und nur, weil man zu einer Gruppe gehört, heißt das noch lange nicht, dass man etwas kann.

Wenn man das alles zusammenzählt, kommt dabei eine merkwürdige Gemeinschaft raus, die vorgibt, Nachwuchs zu fördern, aber in Wahrheit einfach nur Stillstand erzeugt. Man will beleben und konserviert stattdessen. Man will lehren und wiederholt dabei nur die eigenen Fehler.

Das Traurige ist, dass diese Menschen es meistens ja ehrlich meinen. Sie sind echt verrückt nach Zauberei. Liebe allein reicht aber nicht, um Kunst zu schaffen. Kunst entsteht durch Können, nicht durch Zusammenhalt. Die Zauberkunst braucht keine Mission, sondern Handwerk, Haltung und Einsicht.

Vielleicht sollten manche Klubs einfach aufhören, neue Mitglieder zu suchen, und stattdessen damit anfangen, sich selbst zu bilden und damit erst eine Basis für das unterrichten zu schaffen. Weniger Rekrutierung, mehr Erkenntnis und vor allem mehr Kompetenz. Weniger Begeisterung und mehr Bewusstsein für die fachlichen und handwerklichen Aspekte unserer Betätigungsfeldes.

Denn die wahre Gefahr für die Zauberkunst ist weder Desinteresse der Jugend noch fehlender Nachwuchs. Es ist der Eifer der Unwissenden, die glauben, sie müssten sie retten.

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