Der Virtuosen-Irrtum – Warum wir am falschen Ende anfangen
In einem YouTube-Video führt jemand eine unfassbare Routine vor und du denkst: Das will ich auch können! Du schaust dir das Tutorial an, versuchst, es nachzumachen – und scheiterst. Immer wieder. Du übst und übst, aber es klappt einfach nicht wie im Video. Du wirst frustriert und fragst dich, ob du überhaupt gut genug bist. Auch mir ist das ab und zu mal so gegangen.
Irgendwann habe ich das Problem verstanden: Ich habe versucht, das Endprodukt zu kopieren, statt den Weg dorthin zu gehen. Was du auf YouTube siehst, ist oft das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit und nicht der Startpunkt. Kein Virtuose hat seine fertige Routine vom ersten Tag an so ausgeführt. Was du nicht siehst, sind die Jahre mit den Basics, die tausend Wiederholungen der einfachsten Version und das langsame Hinzufügen einzelner Elemente Schicht für Schicht über Jahre hinweg.
Dai Vernon hat die Volte auch nicht an einem Tag gelernt. Er hat jahrelang die Grundbewegungen und Grundversionen geübt, studiert und analysiert, bevor er anfing, Variationen zu entwickeln. Der „Vernon Touch“, den wir heute bewundern, ist das Ergebnis von Jahrzehnten – nicht von einem YouTube-Tutorial.
Das eigentliche Problem liegt jedoch noch tiefer, nämlich im Vergleich. Du vergleichst dich mit dem Virtuosen, deinen Anfang mit seinem Ende, deinen ersten Tag mit seinem dreißigsten.
Das ist nicht nur unfair dir selbst gegenüber, sondern auch absurd. Du vergleichst einen Setzling mit einem ausgewachsenen Baum und wunderst dich, warum der Setzling keine Früchte trägt.
Hier kommt die befreiende Erkenntnis: Du musst kein Virtuose werden. Du bist kein Turner oder Artist, der vor 5.000 Zuschauern dreifache Salti zeigen muss. Du bist ein Zauberer, der seinen Freunden, seiner Familie und vielleicht einigen Kollegen auf einer Feier etwas Schönes zeigen möchte. Auf diesem Spielfeld bist du gut genug – so wie du bist und mit dem, was du hast.
Die Idee dahinter ist, nicht die fertige Routine zu kopieren, sondern ihren Entstehungsprozess nachzuahmen. Man beginnt mit der einfachsten Version und baut dann Schicht für Schicht auf, wobei jede Schicht sitzen muss, bevor die nächste draufkommt. Das ist kein Umweg, das ist der Weg.
Nach einiger Zeit hast du dann vielleicht nicht die exakte Routine des Virtuosen, sondern deine eigene Version davon. Und die ist besser für dich, weil sie zu dir passt. Weil sie deine ist, die in dir und mit dir gewachsen ist.
Bis zum nächsten Mal,
Alexander

