Meinungen
Du zeigst jemandem im Klub eine Nummer, oder einen Griff, vielleicht auch nur eine Idee, an der du wochenlang gefeilt hast. Du hast gebastelt, dir Zeug besorgt und vielleicht hast du sie sogar vor Publikum gespielt und dabei festgestellt, dass sie funktioniert – die Reaktionen sind gut.
Und dann sagt jemand: „Weißt du was? Ich würde das ganz anders machen. Meiner Meinung nach solltest du dies und jenes machen …“ Vielleicht auf einem Stammtisch, vielleicht nach einem Vereinsabend, vielleicht in einem Kommentar unter einem Video. Und obwohl du eigentlich weißt, dass deine Routine funktioniert, du total hinter deiner Idee stehst und sie toll findest, arbeitet dieser eine Satz in dir und du fängst an zu zweifeln.
Das ist natürlich auch an mir nicht spurlos vorübergegangen, sodass ich mir im Laufe der Jahre unzählige Meinungen anderer Zauberer zu meiner Arbeit anhören durfte. Irgendwann habe ich angefangen, mich intensiver mit dem Thema zu befassen und mir eine einfache Frage zu stellen: Was genau ist eine Meinung eigentlich?
Eine Meinung ist ein persönlicher Eindruck, geprägt durch eigene Erfahrungen, durch Vorlieben und Grenzen. Das macht sie nicht wertlos, aber eben auch nicht unbedingt wahr oder zu einer Tatsache. Oft sagt sie mehr über den aus, der sie äußert, als über das, worüber er spricht. Und trotzdem behandeln wir Meinungen häufig so, als wären es Tatsachen, als hätte jemand eine Landkarte in der Hand, obwohl er selbst noch nie in dem Gebiet war. Für mich ist wichtig, eine Meinung nicht mit einer (konstruktiven) Kritik zu verwechseln.
Mark Twain wird ein Satz zugeschrieben, der das wunderbar trifft: „Wann immer du dich auf der Seite der Mehrheit befindest, ist es Zeit, innezuhalten und nachzudenken.“ Das gilt für die Mehrheit – und genauso für die eine laute Stimme am Stammtisch.
In unserer Branche ist dieses Problem besonders ausgeprägt. Es gibt viele, die gerne und laut über Zauberkunst reden, die Regale voller Tricks haben, die jede Neuerscheinung kennen und zu allem etwas sagen können. Frage dich jedoch einmal ehrlich: Wie viele von ihnen stehen regelmäßig vor echtem Publikum? Wie viele haben eine Routine nicht nur gekauft, sondern tatsächlich hundertmal aufgeführt? Social-Media-Demos von Händlertricks spiegeln nicht die Bühnenrealität wider, und zwanzig Jahre im Wohnzimmer sind eine andere Erfahrung als zwanzig Jahre vor Menschen. Trotzdem trauen sich jene, die nie wirklich vor echtem Publikum gestanden haben, häufig, die anderen zu belehren. In Foren und auf Stammtischen gilt nicht derjenige als Autorität, der am meisten kann, sondern derjenige, der am häufigsten und lautesten redet.
Die Frage ist: Warum hören wir trotzdem auf diese Stimmen? Ich glaube, es hat mit Unsicherheit zu tun, mit dem Wunsch, bestätigt zu werden, und mit einem Mechanismus aus der Sozialpsychologie, den Robert Cialdini als Autoritätsprinzip beschrieben hat: Wir nehmen jemanden als Experten wahr, sobald er sicher genug klingt. Nicht, weil er recht hat, sondern weil er so klingt, als hätte er recht. In kleinen Gemeinschaften kommt hinzu, dass man nicht anecken möchte. Also nickt man, übernimmt die Meinung und merkt erst später, dass sie einen vom eigenen Weg abgebracht hat.
Was mir irgendwann geholfen hat, war ein einfacher Gedanke: Bevor ich einen Rat annehme, schaue ich mir an, woher er kommt. Hat die Person das, worüber sie redet, selbst gemacht? Erfolgreich, wiederholt und unter echten Bedingungen? Oder redet sie über etwas, das sie aus einem Video kennt, aus einem Buch angelesen hat oder sich am Stammtisch zusammengereimt hat? Entscheidend ist nicht die Lautstärke, sondern der Track Record.
Und dann gibt es noch einen Kompass, der zuverlässiger ist als jede Meinung der Kollegen: das Publikum. Es ist nur wichtig, was beim Publikum funktioniert Das ist der einzige Maßstab, der zählt. Die Menschen, für die du auftrittst, haben keinen Stammtisch im Hinterkopf, haben keine Dealer-Kataloge durchgeblättert und keine Foren-Diskussionen über den richtigen Griff gelesen. Sie erleben, was du ihnen zeigst, und reagieren ehrlich. Wenn eine Nummer trägt, dann trägt sie – egal, was andere Kollegen dazu meinen.
Ich habe aufgehört, auf jeden zu hören, weil ich gemerkt habe, dass die meisten Meinungen keine Landkarten sind, sondern Spiegel derer, die sie von sich geben. Sie zeigen, was der andere denkt, fühlt oder fürchtet. Das kann interessant sein, manchmal sogar lehrreich. Aber es ist kein Grund, meinen eigenen Weg zu verlassen. Ein Satz, der Coco Chanel zugeschrieben wird und dessen Schärfe mir gefällt: „Es ist mir egal, was du über mich denkst. Ich denke überhaupt nicht an dich.“
Nicht jede Meinung braucht eine Antwort. Nicht jeder Ratschlag muss umgesetzt werden. Manchmal ist das Beste, was du tun kannst, einfach nur freundlich zu nicken, weiterzumachen und dein Ding durchzuziehen. Seitdem ich das begriffen habe, höre ich wieder mir selbst zu – und das ist mehr wert als jeder Stammtisch-Rat der Welt.

