Sind drei Becher zu viel?
Es gibt Dinge in der Zauberkunst, die so selbstverständlich wirken, dass niemand mehr fragt, warum sie so sind, wie sie sind. Das klassische Becherspiel ist ein Beispiel dafür: drei Becher, drei Bälle und ein Zauberstab. Dieser Artikel ist als Anregung zum Nachdenken gedacht und wird hoffentlich nicht eine erhitzte Diskussion entfachen.
Warum eigentlich drei Becher? Weil Dai Vernon drei benutzt hat? Weil die Händler sie seit Ewigkeiten im Dreier-Set verkaufen? Oder hat der Magier etwa Angst, das Publikum könnte ihn nicht ernst nehmen, wenn er nur zwei Becher benutzt?
Das Becherspiel ist vermutlich eines der ältesten Kunststücke der Welt. Schon auf alten ägyptischen Abbildungen sieht man Menschen mit Bechern und kleinen Objekten hantieren. Die Nummer hat Jahrtausende überlebt. In diesen Jahrtausenden hat offenbar kaum jemand den Mut gehabt zu sagen: „Wisst ihr was? Vielleicht reicht auch ein Becher weniger.“
Dabei ist diese Frage gar nicht so absurd, denn beim klassischen Drei-Becher-Spiel fallen einem einige Probleme auf, wenn man es sich genauer anschaut: Es sind (und passieren) viele Dinge gleichzeitig auf dem Tisch. Drei Becher, drei Bälle, mehrere Wanderungen (von denen die dritte meistens überflüssig ist), mehrere Durchdringungen von Bällen und Bechern (meistens natürlich drei, wobei zwei meistens reichen würden), mehrere Phasen, die oft nur gemacht werden, weil man drei Bälle hat, die man irgendwie ausnutzen will, die man aber zugunsten eines klareren Effekts sparen könnte. Und am Ende gibt es noch drei (oder gar vier) Abschlussladungen, weil das ja noch besser wirkt.
Das Publikum sitzt irgendwann wie ein Labrador vor einer Waschmaschine: Irgendetwas passiert ständig, aber niemand weiß mehr genau, was.
Die Argumente für die Zahl Drei sind bekannt: Harmonie, die dramaturgische Kraft der Drei, die geometrische Eleganz. Alles berechtigt. Aber auch Klarheit hat dramaturgische Kraft – und mit zwei Bechern entsteht mehr davon.
Tommy Wonder hat gezeigt, wie unglaublich elegant und konzentriert ein Zwei-Becher-Spiel wirken kann. Das Gleiche gilt für David Williamsons „Golden Cups Routine”. Selbst Hofzinser beschäftigte sich bereits mit Zwei-Becher-Ideen. Er sprach von einem Hauptbecher, der größer war als die beiden kleineren „Nebenbecher” und sich optisch von diesen unterschied. Im Prinzip wanderten die Bälle dann von den Nebenbechern zum Hauptbecher, um den Zuschauern das Wahrnehmen und Verstehen des Effekts zu erleichtern. Das ist also keineswegs ein moderner Minimalismusgedanke von Leuten, die beim dritten Becher sparen wollten.
Ich glaube, ca. 80% der gängigen Drei-Becher-Routinen zu kennen, und mit den meisten hatte ich schon in der einen oder anderen Form praktischen Kontakt. Und ich komme zu dem Schluss: Mit zwei Bechern entsteht mehr Fokus und Klarheit. Der Zuschauer kann die Situation besser überschauen. Die Positionen der Becher und Bälle sind auf einen Blick zu erfassen und bleiben im Gedächtnis. Der Ball wandert von Becher A nach Becher B (oder umgekehrt) und nicht von A nach B und dann plötzlich nach C, nur um wieder unter A oder B zu erscheinen. Dieses komplette Chaos ist in einigen Routinen für einen normal denkenden Zuschauer in Zeiten schwindender Konzentrationsfähigkeit nicht mehr nachzuvollziehen. Resultat: Spätestens nach der dritten Sequenz schaltet der Zuschauer ab. Bei Routinen mit zwei Bechern erhalten die einzelnen Effekte mehr Gewicht, da sie nicht von den anderen Requisiten auf dem Tisch und dem damit verbundenen visuellen Lärm überlagert werden.
Ein großer Vorteil: Die Routinen werden automatisch kürzer und sind damit für die Zuschauer besser zu verdauen – in Zeiten der immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne ein Plus. Die meisten Becherspiel-Routinen leiden unter zu vielen Wiederholungen des im Prinzip immer gleichen Effekts. Bälle wandern unter den Bechern hin und her, erscheinen, verschwinden oder durchdringen die Becher. Meistens sind es zwei Wiederholungen einer Sache, d. h., der Zuschauer sieht dreimal den gleichen Effekt. Zweimal würde vollkommen ausreichen.
Salopp gesagt: Mit drei Bechern demonstriert man viele Möglichkeiten und Kombinationen. Mit zwei Bechern demonstriert man Magie, die von den Zuschauern von heute verstanden und erinnert wird. Zwei-Becher-Routinen kommen ohne Umwege schneller zum Punkt.
Hinzu kommt ein weiterer praktischer Aspekt: Zwei Becher benötigen weniger Platz auf der Vorführfläche. Das klingt banal, ist aber enorm wichtig. Gerade heute, wo viele Vorführungen nicht mehr an riesigen Tischen stattfinden, sondern in Restaurants, Bars, kleinen Seminarräumen oder auf überfüllten Kongress-Dinertischen, wird plötzlich jeder Quadratzentimeter relevant. Für einen Straßenkünstler bedeutet das zum Beispiel weniger Gewicht und eine kleinere Platte des Vorführtisches, wodurch sich alles besser transportieren lässt.
Auch die Taschenbelegung und das sogenannte Pocket-Management reduzieren sich und werden einfacher. Es gibt weniger Metall und Zitronen, somit auch weniger verdächtige Beulen in den Taschen, und insgesamt viel weniger Gerödel. In der Regel bleibt eine komplette Tasche des Jacketts leer, was im praktischen Betrieb nicht zu unterschätzen ist! Manche Magier tragen inzwischen mehr Kupfer mit sich herum als ein mittelgroßer Klempnerbetrieb.
Und dann gibt es noch ein Argument, das für mich das wichtigste für eine Zwei-Becher-Routine ist: die 30-cm-Regel. Ich habe ausführlich darüber in meinem Misdirection-Buch geschrieben. Bei zwei Bechern stehen diese genau im richtigen Abstand zueinander, sodass die 30-cm-Regel mühelos eingehalten werden kann. Dadurch werden viele Sequenzen täuschender. Der Zuschauer kann sich bei Anwendung der 30-cm-Regel nicht bewusst auf einen der beiden Becher konzentrieren. Er sieht aber beide Becher und hat den Eindruck, alles im Blick zu haben. Bei drei Bechern könnte er sich viel leichter auf einen Becher konzentrieren – und das ist dann meistens genau der falsche. Man könnte auch sagen: Während zwei Becher die Aufmerksamkeit bündeln und dem Vorführenden maximale Kontrolle geben, verteilen drei Becher die Aufmerksamkeit.
Natürlich gibt es auch andere Gründe, die für manche Menschen wirklich wichtig sind. Zum Beispiel Wohlstand. Wer drei schwere silberne Becher auf den Tisch stellt, signalisiert: „Ich habe es geschafft.“ Vier oder fünf Becher wären vielleicht noch besser, aber dann sieht man schnell aus wie ein Küchenfachverkäufer, der seine Ware präsentiert. Drei sind jedoch das absolute Minimum. Außerdem gilt das Wirtschaftlichkeitsprinzip: Wenn ich so viel Geld für die drei Becher ausgegeben habe, dann will ich sie auch zeigen. Alles andere wäre ja Verschwendung.
Und welche Berechtigung hätte dann der dritte Becher? Außer, dass er im kollektiven Zauberer-Gesamtgedächtnis verankert ist? Das klassische Drei-Becher-Spiel besitzt in der modernen Wahrnehmung eine historische Gravität. Es wirkt größer, traditioneller, monumentaler. Angeblich funktionieren manche Sequenzen besser mit drei Positionen. Und einen „Klassiker” darf man auf keinen Fall verändern. Das sollte man weder anregen noch wegdiskutieren. Tricktechnisch gesehen ist der dritte Becher für die allermeisten Routinen jedoch gar nicht notwendig, denn die besten Effekte lassen sich auch mit nur zwei Bechern erzielen – viel klarer und ohne unnötige Wiederholungen.
Es ist besser, nicht zu fragen: „Was ist richtig?”, sondern: „Warum mache ich das eigentlich genau so?”. Wahrscheinlich benutzen einige Magier drei Becher schlicht deshalb, weil sie nie etwas anderes gesehen haben und weil „man es eben so macht”. Das ist in der Zauberkunst erstaunlich häufig der wahre Grund für Traditionen und Regeln. Doch manchmal genügt es, einen Becher wegzulassen, um plötzlich festzustellen: Die Routine kommt besser an. Der Effekt wird klarer, die Aufmerksamkeit der Zuschauer konzentrierter und die Magie stärker.
Wenn du trotzdem weiterhin drei Becher benutzen willst, sei unbesorgt, damit befindest du dich in guter Gesellschaft. Immerhin machen es die Ägypter seit 4.000 Jahren so – und eine solche historische Tradition sollte man doch nicht durch Vereinfachung zerstören, nicht wahr?

