Unterricht mit einem Lehrer
Immer wieder werde ich gefragt, was ich unter „persönlichem Unterricht“ verstehe und was ihn von Workshop oder digitaler Publikation unterscheidet.
Persönlicher Unterricht ist die älteste Form der Wissensweitergabe — nicht eine Variante neben Buch, Video und Workshop, sondern etwas grundsätzlich anderes. Ein Buch hält die abstrahierte Idee fest, ein Video die einmal aufgenommene. Ein Workshop spricht zu vielen und deshalb zu keinem so detailliert. Erst wenn zwei Menschen einander gegenübersitzen, verändert sich der Stoff mit dem Schüler.
Keine zwei Schüler sind gleich — weder im Vorwissen noch im Können noch am Punkt, an dem sie stehen. Was den einen zünden lässt, blockiert den anderen. Das leistet kein Medium für die Masse. Es passiert nur dort, wo ein Mensch dem anderen seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Diese Aufmerksamkeit lässt sich nicht aufzeichnen oder vervielfältigen. Genau deshalb hat sie Wert.
Information ist heute überall und oft kostenlos. Trotzdem entsteht daraus selten ein Zauberkünstler, meist nur ein Sammler. Der Unterschied liegt nicht im Wissen, sondern in der Umsetzung.
Was im Buch Beschreibung bleibt, wird im Unterricht verständlich: Der Schüler sieht live, wie der Lehrer die Griffe ausführt, welche Pausen er macht, welches Timing er wählt. Ein Video kann das zeigen – im selben Raum gewinnt es eine andere Dimension, weil Zeigen und Sehen gleichzeitig stattfinden. Und der Lehrer kann sofort korrigieren, wenn der Schüler auf dem falschen Weg ist.
Meine Arbeit speist sich aus zwei Quellen. Die eine: viele Jahre als professioneller Zauberkünstler, Bühne, internationale Lecture-Touren, Bücher, zuletzt die BURNERS-Reihe. Daraus sind Routinen entstanden, die ich so lange verworfen und neu aufgebaut habe, bis am Ende vielleicht eine einzige vor zahlendem Publikum wirklich getragen hat.
Die andere ist weniger sichtbar, aber genauso wichtig: Prof. Dr. Toni Forster, klinischer Psychologe und seit meiner Jugend mein Mentor. Leider ist er verstorben, aber durch ihn habe ich gelernt: Menschen tragen die Ressourcen, die sie brauchen, bereits in sich. Die Aufgabe eines Lehrers ist nicht, ihnen etwas zu geben, was sie nicht haben, sondern ihnen zu helfen, das zu entdecken, was schon in ihnen angelegt ist.
Beides läuft in meinem Unterricht zusammen. Es geht nicht um den Verkauf von Tricks, sondern darum, die eigene zauberkünstlerische Stimme zu finden – eine andere Tätigkeit als das Auswendiglernen von Routinen.
Wer mit einem erfahrenen Lehrer arbeitet, lernt nicht nur, was dieser weiß, sondern vor allem, was er aussortiert hat: die Sackgassen, in die jeder Anfänger läuft, und die Tricks, die im Buch gut aussehen und in der Praxis nicht funktionieren. Die Jahre der Praxis sind weniger Zugewinn an Wissen als Wegräumen von Schrott. Allein erkennt man eine Sackgasse oft erst, nachdem man sie jahrelang für den richtigen Weg gehalten hat.
Das ist die Substanz einer Stunde: nicht die Summe des Wissens, sondern der Filter. Ihn zu übernehmen erspart Jahre eigener Sucharbeit. Eine Hochschule für Zauberkunst gibt es in Deutschland nicht – es bleibt der alte Weg: jemandem gegenüberzusitzen, der ihn schon gegangen ist.
Guter Unterricht nimmt auch etwas weg. Wer länger mit einem Lehrer arbeitet, hört irgendwann auf, alles zu kaufen, was auf den Markt kommt. Er unterscheidet, was zu ihm passt und was nicht — unbequem in einer Branche, die vom Weiterkonsum lebt. Am Ende bleibt keine Trick-Sammlung, sondern eine kleine, persönliche Auswahl. Daraus kann ein eigener Stil werden.
Persönlicher Unterricht ist keine Dienstleistung, sondern eine Beziehung. Nach ein paar Sitzungen kennt der Lehrer seinen Schüler im angestrebten Feld oft besser als die meisten im Umfeld. Er sieht das Selbstbild, bevor es ausgesprochen ist, hört die Übertreibungen und stillen Unterschätzungen — manchmal auch schon, wohin der Schüler will, bevor er es selbst weiß.
Diese Arbeit geschieht zwischen den Worten und zwischen den Stunden, oft in den Pausen mehr als im Unterricht. Sie braucht Zeit, Ruhe und einen Rahmen, den beide herstellen — nicht durch ein Format, sondern durch eine Entscheidung auf beiden Seiten.
Wer mit diesen Gedanken etwas anfangen kann, ist bei persönlichem Unterricht mit mir richtig. Wer nicht, ist es genauso — nur woanders.
Bis zum nächsten Mal,
Alexander
